Titel-kleinViele Menschen behalten ihr Innenleben vorsichtshalber für sich. Was sie denken, was sie fühlen, was sie in ihrem privaten Leben so tun und erleben – all das geht in ihren Augen niemanden etwas an.

Es gibt aber auch Menschen, die ihr Innenleben preisgeben. Die meisten davon machen das in einem persönlichen Gespräch, manche machen das aber auch öffentlich, indem sie ein Buch schreiben zum Beispiel. Der emeritierte Medizinprofessor und Literaturliebhaber Hans Ludwig hat das gemacht. Über einen Zeitraum von drei Jahren hat er Tagebuch geführt, und daraus ist nun ein Buch entstanden. “Den Alltag zu Leuchten bringen” heißt es, und auf diesen Titel kam er durch die Lektüre eines Buches des von ihm sehr geschätzten Autors Paul Nizon, der schreibt: „Das Leben bestehen heißt ja wohl, den Alltag zu bewältigen und von Zeit zu Zeit zum Leuchten zu bringen.“

Es ist nicht nur Nizon, den Ludwig wertschätzt. Es sind viele andere Autoren, die ihn inspirieren, motivieren, anleiten – aber auch “trösten”, wenn er eine Schreibblockade hat. Wenn ihm nicht gelingt, was er sich vorgenommen hat: zu schreiben.

Nun hat er aber doch wieder ein Buch zuwege gebracht, eben dieses Tagebuch. Aufzeichnungen eines alternden Mannes, der viel erlebt hat, durch die ganze Welt gereist ist, dessen Frau vor einigen Jahren verstarb, der zwei Töchter hat und zwei Enkelkinder. Ein kluger und emotionaler Mann, der sich viele Gedanken macht, über sich und die Welt. Über die Welt in seinem direkten Umfeld, und über das Leben und Denken von Schriftstellern, von denen er einige als Brüder im Geist erlebt, als Seelenverwandte.

Ich durfte sein Manuskript lektorieren. Dabei habe ich erneut Einblick in das Leben dieses Autors bekommen, denn in seinem autobiografischen Buch “Der Unscheinbare” gibt es auch schon Tagebuchaufzeichnungen, und dieser neue Band ist eine Fortsetzung jener Aufzeichnungen, in denen er kein Blatt vor den Mund nimmt und erstaunlich offene und selbstkritische Einblicke in sein Leben, seine Gedanken, Gefühle und Ängste gewährt.

Am Ende seines Buches schreibt Ludwig:
Eine vorweggenommene Kritik. “Ein alter Medizinprofessor schreibt tägliche Bemerkungen und veröffentlicht sie. Einen Verlag findet jeder, wenn er sich an den Kosten beteiligen kann und will. Aber muss man sich so sehr in sein tägliches Leben schauen lassen? Sollte einen nicht die Scham davon abhalten, sich so weit zu öffnen?
Privates sollte Privates bleiben. Die Menschen fahren gut damit, nicht jeden Gedankenfurz an die große Glocke zu hängen. Nicht wie wirkliche Schriftsteller, die eine Geschichte und in Figuren, die diese beleben, erzählen und uns damit unterhalten. Nein er schreibt für sich und macht dabei einiges Wesen um die Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu notieren. Ach ja, und er liest viel, erstaunlich viel auf Englisch und auf Deutsch, Gutes, weniger Gutes und auch Schund. Man muss dafür Zeit haben, die nur ein Pensionär aufbringen kann. Dazu notiert er sich, meistens – nicht immer –, was ihm dazu einfällt. Und er zitiert. Zitiert viel. Manche unter diesen Zitaten sind lesenswert, machen Appetit auf den, der so geschrieben hat. Vielleicht ein guter Buchtipp für den nächsten Besuch im Buchladen. Es gibt auch Vorlieben, die uns der alte Mann nicht verschweigt, Fernando Pessoa unter ihnen und Paul Nizon. An beiden hat er sich satt gelesen, wohl, weil beide eine Form gefunden haben, die er nachahmt – allerdings ohne sie je zu erreichen.”

Hier kann man das Buch bestellen. Innerhalb Deutschlands wird es portofrei verschickt.

“Den Alltag zum Leuchten bringen”

Ein Kommentar zu „“Den Alltag zum Leuchten bringen”

  • 13. Februar 2016 um 16:19
    Permalink

    Den Alltag zum Leuchten bringen … es hat mir Freude bereitet, das Buch zu lesen. Frische und differenzierende Sprache, interessante Gedanken über ausgewählte zeitgenössische Literatur, ungeschönte Einblicke in die Sehnsucht des Autors, selbst einmal ein Werk zu verfassen, das gelesen wird. Es ist wohl diese Kombination aus Notaten und Selbstbetrachtung, gewollt oder nicht, die das Buch prägt, die im Nachhinein sich als ein wertvoller stilistischer Träger für die Darstellung all dessen zeigt, was den Autor bewegt.
    Dank an den Autor.

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