Die Clownin Anja und NF2

Im August 2021 wurde ein drittes Buch über die Krankheit Neurofibromatose Typ 2 (NF2) bei Edition Blaes eröffentlicht: “Wir-Alle”. Wie beim “WIR”-Buch erzählen Betroffene über diese tückische Krankheit, dieses Mal aber nicht nur die Erkrankten, sondern auch Menschen, die indirekt davon betroffen sind. So auch Anja Staudt. Sie ist Mutter von Julian, einem NF2-Betroffenen, und sie ist Clownin. Wie sie dazu bekommen ist, sich eine rote Nase aufzusetzen und kranke Kinder aufzuheitern, schreibt sie in diesem Beitrag, einem Kapitel aus dem Buch “Wir-Alle”.


Clownin

»Guten Tag, mein Name ist Ottilie Ohrenschmalz.« Klingt lustig, nicht wahr? Prima, dann ist der Start in meine Geschichte ja schon geglückt.
Machen wir eine Zeitreise, und zwar in die Kindheit von Julian, meinem Sohn. Diagnose: NF2.
Zack!
Damit war seine unbeschwerte Kinderzeit vorüber, denn ein Tumor an der Sehnervenkreuzung muss umgehend operiert werden.

In den Folgejahren wurden auch die Akustikusneurinome an den Hörnerven teilweise entfernt. So hatte die frühe Diagnose auch etwas Gutes: Noch heute hat Julian Resthörvermögen. Aber NF2, mit all ihren Facetten, gehört seitdem zu unserem Alltag.

Krankenhaus, dieses Wort klingt für Gesunde angsteinflößend und nach Ausnahmezustand, für Erkrankte schwingt das Wort Hoffnung mit.

Julian war viele Tage und Nächte im Krankenhaus in Tübingen und wurde immer liebevoll betreut und begleitet. Trotz seiner Krankheit gab es stets was zu lachen.
Ich erinnere mich noch gut an folgende Begebenheit: Es klopft zaghaft an der Tür. Julian, frisch operiert, hat nichts gehört.

Die Clownin

Es klopft erneut, erst zaghaft, dann ein bisschen lauter. Die Tür öffnet sich einen kleinen Spalt, dann taucht im Spalt eine rote Nase auf, ein freundliches Gesicht folgt und sagt: »Darf ich reinkommen? Aber nur, wenn du wirklich willst …«
Julian und ich schauen neugierig – wer kommt denn da zu Besuch?
»Ja, komm nur rein.«
Schwups, schneller als gesagt, steht eine kleine, zarte Clownin im Zimmer. Buntes Tütü-Röckchen, geringelte Strümpfe, freche Zöpfchen, rote Nase. Och nö, denke ich, ausgerechnet heute, wo Julian so starkes Heimweh hat … wie schade.
Ob die Clownin meine Gedanken lesen konnte?
»Julian, sag mal, wie groß ist dein Heimweh? Ein Meter groß oder schon zwei?«
»Zwei Meter … und mehr!«
»Oh, das ist aber viel, sollen wir ein bisschen verreisen?«, fragte sie und nahm den überraschten Julian mit auf eine abenteuerliche Reise. Das Bett wurde zu einem Schiff, die Bettdecke war das Segel, der Sturm peitschte über die See, es blitzte (Lichtschalter an/aus) die Wellen schlugen hoch, es war eine absolut abenteuerliche Luftschlangen-, Seifenblasen-, Luftballon-Seefahrt. Die Prinzessin (das war ich) war entführt worden, und die Aufgabe des Prinzen war, seine Herzensdame zu retten. Wie in einem richtigen Märchen endete die Geschichte gut: Der Sturm ging vorüber, der Kapitän fand den Weg zurück in den Heimathafen, alle kamen wohlbehalten im Krankenhauszimmer an.

Julian strahlt

Aber nichts war wie vorher. Julian strahlte übers ganze Gesicht, von Heimweh keine Spur mehr. Ebenso liebevoll (und dies ist das absolut richtige Wort!) wie die Clownin gekommen war, so verabschiedete sie sich: ein letzter Blick auf ihre rote Nase, ein Winken, und sie ging zu einem anderen Kind, in eine andere Welt. Es waren wunderbare Minuten. Noch heute empfinde ich Dankbarkeit dieser fremden Frau gegenüber, noch heute bin ich im Innersten gerührt darüber, wie sehr sie Julian und sein Heimweh wahrgenommen und ihm Unbeschwertheit und Lachen geschenkt hat.

Diese Begegnung, diese zehn Minuten, erweckten in mir den Wunsch, auch als Clownin in Krankenhäuser zu gehen. Aber so einfach ist das nicht, erst recht nicht für jemanden wie mich, der eher zurückhaltend ist. Mittlerweile habe ich schon einige Clown-Kurse besucht, jedes Mal ein neues Abenteuer, jedes Mal Nervosität und die Fragen:

  • Kann ich das überhaupt?
  • Wie geht Clownen richtig?

Was wir in den Kursen alles lernen:

  • Staunen, über einen Lichtschalter?
  • Sprechen, nur mit den Augen?
  • Wie laufe ich geblümt, wie gestreift?
  • Fünf Minuten schweigen und den anderen neugierig machen, was in meiner Hand versteckt ist?

Eine Clownin braucht Empathie

Clown zu sein, so glaube ich mittlerweile, ist eine Lebenseinstellung. In jedem Kurs ist Empathie nahezu das Wichtigste. Das Gleichschwingen mit dem Gegenüber, das Erkennen: Wie kann ich ins Spiel kommen, mein Gegenüber berühren?
Ich könnte noch so viel schreiben und würde es nicht ansatzweise treffen. Es gibt so viel, das ich noch lernen möchte.

Fachärztin für Nicht-Hören

Apropos Ottilie Ohrenschmalz … ihr müsst wissen: Frau Dr. Ohrenschmalz ist Fachärztin für das sogenannte Nicht-Hören, insbesondere, wenn es mit den Wörtern kannst du mal … oder aufräumen verbunden ist. Mit so einem Ohrenschmalz-Pfropfen im Ohr kann Ottilie nämlich gar nicht gut hören. Oft fängt ihr Clown-Kollege »Theobald von Jammershausen« dann an lauter zu sprechen oder gar zu brüllen, so lange, bis er merkt, dass es nichts bringt. Dann kommt er mit einer großen Flaschenbürste, um ihr umständlich die Ohren zu putzen. Logisch, dass er danach viiiel zu laut redet, nicht wahr?

Der erste Auftritt

2019 kam dann endlich der große Auftritt für Ottilie – erstmalig traute sie sich, von ihrer Clown-Kollegin Möhrchen liebevoll an die Hand genommen, ins Kinderkrankenhaus. Ottilie als Doktor muss – logisch! – Fieber messen. Aber wie geht das ohne Thermometer? Und hilft Zaubersalz beim Zaubern? Kann man sich mit Pfefferminzschokolade die Zähne putzen? Wer kann am schiefsten singen? Party im Teenager-Zimmer? Na klar, wir schmücken mit allem, was der Clown-Koffer so hergibt. Wie kriegt man Cola in die Infusion? Was, du möchtest Sport treiben und Tennis spielen … von Bett zu Bett? Überhaupt kein Thema, zwei Fliegenklatschen, ein Luftballon, und los geht’s.

Corona-Zwangspause

Einige Male ist Ottilie mittlerweile im Krankenhaus gewesen, bis durch Corona leider die noch immer andauernde Zwangspause eintrat. Bis dahin ist Ottilie nicht nur zu Kindern, sondern auch zu Erwachsenen und sehr alten Menschen gegangen. Besonders die Ältesten freuen sich. Es sind oftmals tief berührende Begegnungen, die noch lange in Ottilie und damit ebenso in mir nachklingen. Noch viele Stunden später strahlen Ottilies Augen, und sie versprüht (hundemüde, denn ein bis zwei Stunden Clownin zu sein, sind körperlich sehr anstrengend) pure Freude. Und das hat sie mit anderen Clowns gemeinsam: Wir nennen es »das Licht ist angeknipst«.
Die rote Nase – sie ist fast ein heiliges Relikt geworden. Wir haben gelernt, ganz bewusst in die rote Nase zu gehen, ganz bewusst in die Rolle (meine ist noch lange nicht fertig) hineinzutauchen, um die Welt ein wenig bunter wahrzunehmen. Meine Nase ist mein Glücksbringer geworden, mein Schmeichelstein. Ich bin bereichert durch diese neue Facette der stillen, zurückhaltenden Anja, bin dankbar für die Möglichkeiten, die sich mir durch das Clown-Sein bieten. Es sind liebevolle Menschen in mein Leben getreten, die ich unter normalen Umständen nie kennengelernt hätte. Dadurch habe ich das Gefühl, beschenkt worden zu sein. Denn ohne NF2, ohne die damalige Begegnung mit der Clown-in im Krankenhaus, gäbe es Ottilie nicht.
Dr. Ottilie Ohrenschmalz ist nicht nur Clownin, sie ist auch mein persönlicher Weg, mit der Krankheit NF2 meines Sohnes zu leben.

Anja Staudt, Mutter eines NF2-Betroffenen


Persönliches über Anja Staudt

Wer bin ich?
Anja Staudt, Mutter eines NF2-Erkrankten, dessen Erkrankung mit 9 Jahren entdeckt wurde. Vor 53 Jahren geboren. 2 Kinder: Julian, 23, und sein Bruder 21 Jahre.

Was mache ich?
Teilzeitjob bei einem Catering-Unternehmen in der Buchhaltung & Lohnbuchhaltung angestellt – also recht trockener Bürojob.
Nebenberuflich selbstständig in einer GbR, die seit Anfang 2020 das Sektmuseum in Koblenz übernommen hat. Früher hieß es “Deinhard Kellermuseum”, wir wollen das schöne Museum der Öffentlichkeit zugänglich halten, vielleicht schaffen wir es, unseren Traum zu verwirklichen.
“Wo ist der Deinhard?”, so lautete früher der Werbeslogan. Seit 2017 mache ich dort Gästeführungen durch das Museum. Schaut gerne auf unserer Homepage. Wer hat diese wohl gestaltet? Dreimal dürft ihr raten: richtig, mein Sohn Julian.

Was mag ich?
O je, schwierige Frage … Lesen, gemütlich Kaffee trinken, die Farbe Grün, Clownworkshops (da gibt es so viele Angebote), Pantomime finde ich auch klasse, habe in Hannover bei Peter Mim mal ein Wochenende verbracht.

Arbeiten im Weinberg beim Verein “Steile Traube” in Leutesdorf, Rad fahren, wandern ist auch schön.

Was mag ich nicht?
Viele Essenssachen z. B. Fisch – geht gar nicht. Hetzen müssen, Small talk ohne Inhalt.


Hobbies
Gästeführungen, ich freue mich jedes Mal, Besuchern unser schönes Museum zu zeigen und zu erzählen, Clownen (sh. Klinik-Clowns), z. Zt. ist Altersheim (noch) möglich, KH leider noch nicht.

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