liebesroman

Liebesroman in 14 Stationen

Station 1: Die Begegnung
»Nicht schlecht, Frau Specht«, sagt Viktoria, »passt optisch perfekt in dein Beuteschema: cooler Intellektueller…«
Viktoria ist meine beste Freundin und hat ein Faible für Männer südländischen Typs – mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Ich dagegen bevorzuge die nordische Variante: blond, mit blauen Augen. Genau diese Sorte Mann ist auf dem Bildschirm zu sehen. Harald, Anfang 40, Brillenträger. Ich habe ihn auf einer dieser Partnerbörsen aufgestöbert, wo ich immer wieder staune, mit was für schauderhaften Fotos männliche Zeitgenossen sich auf Frauensuche begeben.
Harald ist eine Ausnahme. Sein Foto hat ein Profi gemacht, das sieht man. Es ist kein im Wohnzimmer geknipstes Ganzkörperbild, sondern ein im Studio aufgenommenes und gut ausgeleuchtetes Porträt. Schlussfolgerung: Der Mann hat Stil und weiß, worauf es ankommt. Das ist mir wichtig. Auch mit Rechtschreibung und Grammatik kennt er sich aus, in seinem Text befinden sich keine Fehler. Auch das ist mir wichtig. Der Text als solcher ist eine gut formulierte Selbstdarstellung eines Mannes, der weiß, was er will. Ebenfalls wichtig.

Was mich betrifft, so bin ich Ende dreißig und habe keine Lust mehr, in Diskotheken und Kneipen rumzuhängen und darauf zu warten, dass mir dort der Mann des Lebens über den Weg läuft. Ich habe alles ausprobiert, was es auszuprobieren gibt. Habe Männer auf der Straße, in Bars, beim Job, im Urlaub, beim Sport, auf Feten, auf Faschingsbällen und bei Freunden kennengelernt. Hatte etliche Beziehungen, einige One-Night-Stands, war verheiratet, bin stresslos geschieden, mag Männer, und Männer mögen mich, aber der sogenannte Richtige war noch nicht dabei. Oder ich habe es nicht bemerkt. Oder ich wollte es nicht wahrhaben. Oder ich war noch nicht reif dafür. Oder alles zusammen. Auf alle Fälle habe ich beschlossen, mal wieder auf die Pirsch zu gehen, und zwar im Internet.


Station 2: Der Wochenendausflug

… Nach zehn Minuten erreichen wir das Dorf und fragen nach einem Gasthof. Ein altes Bäuerchen schickt uns ans Ende des Ortes. Tatsächlich, dort, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, erhebt sich mitten in der Landschaft nicht nur ein Gasthaus, sondern ein Hotel. Wir klauben die patschnassen Satteltaschen von den Rädern und stehen triefend an der Rezeption.

»Haben Sie ein Doppelzimmer frei?«, fragt Harry.

Der Mann hinterm Tresen wirft einen Blick auf den Computer.

»Südseite oder Westseite?«

»Egal, Hauptsache, es regnet nicht rein.« Harry grinst und freut sich über sein Witzchen.

Mit jovialer Geste übergibt der Portier uns den Zimmerschlüssel, winkt dem Laufburschen und deutet auf unsere in sich zusammengesunkenen Taschen. Als der Junge sie hochhebt, hinterlassen sie auf dem Marmor zwei große Pfützen, die langsam ineinander laufen.

Das Zimmer ist bayrisch rustikal, mit Messingbetten und dunkel gebeizten Balken an der Decke. Das Beste aber ist der Fußboden, er ist nicht mit Teppich ausgelegt, sondern mit Terrakottafliesen. Teppichboden in Hotelzimmern kann ich nicht leiden, weil sich Milliarden von Milben, Fußpilzbakterien und anderen Kleinlebewesen darin tummeln. Ich stelle mich unter die heiße Dusche und finde noch ein einigermaßen trockenes T-Shirt in meiner Radtasche. Die Jeans blase ich mit dem Föhn in einen annähernd tragfähigen Zustand, die Füße stecken in sehr feuchten Turnschuhen, die beim Gehen quietschen.


Station 5: Die schwäbische Schnecke

… Letztes Jahr lag vor meinem Teller ein längliches Päckchen. Als ich an der Schleife nestelte, meinte sie mit schelmischem Grinsen: »Also, ich an deiner Stelle würde es hier nicht auspacken. Oder höchstens ganz vorsichtig hineinschauen.« Sie kicherte spitzbübisch, und ich grübelte nur kurz.
»Das ist doch nicht etwa…«

»Doch!« Sie prustete einfältig vor sich hin.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich so was nicht brauche!«

»Ich weiß, ich weiß, und ich hab dir gesagt, dass du keine Ahnung hast, was dir entgeht«, wieherte sie. Sie amüsierte sich köstlich und weidete sich an meiner Verlegenheit, während die anderen Gäste pikiert in unsere Richtung schauten. Zugegeben, sie hatte tatsächlich schon öfter versucht, mich davon zu überzeugen, dass der Kunstschwanz, wie sie ihn emotionslos nennt, in die Nachttischschublade jeder Frau gehört, und fegte meine Entgegnungen jedes Mal mit einer lässigen Handbewegung weg.

»Probier das Teil doch erst mal aus, dann reden wir weiter«, meinte sie jedes Mal lakonisch. Und ich hatte darauf geantwortet, dass ich so ein Ding auf keinen Fall jemals brauchen und mich außerdem nie in die peinliche Situation bringen würde, in einem Sexshop nach einem Vibrator zu fragen.

Diese peinliche Situation hatte sie mir erspart. Ich saß da, und der »trusty old friend« ruhte neben dem Besteck. Dezent verpackt in schwarzes Geschenkpapier und umschlungen von breitem Brokatband.

Station 7: Dolce Vita am Gardasee
… Weil ich Harry ja schon ein paar Tage kenne, weiß ich, dass er derartige Themen überhaupt nicht leiden kann. Milde ausgedrückt. Konkret ausgedrückt bedeutet das, dass er solche typischen Weiberthemen – wie er sie nennt – abgrundtief hasst und sie ihm schlagartig die Laune verderben. In mir steckt aber eine solide Portion Masochismus, und so lege ich zwischen Vor- und Hauptspeise ohne Hemmungen los.
»Ich würde gern wissen, warum du überhaupt mit mir hier bist.«
Abrupt hört er auf zu essen und legt das Besteck ab. Dann hebt er den Kopf, seine blaue Augen blicken mich unwillig an. Er überlegt ein Weilchen, sagt aber nichts, sondern nimmt das Besteck wieder auf und isst wortlos weiter. Ich schlucke.
»Hast du meine Frage gehört?«
»Ja, leider«, antwortet er gequält.« Mit genervtem Seufzen legt er das Besteck wieder auf das Tischtuch und richtet es mit einer kleinen Handbewegung im Neunziggradwinkel ordentlich zum Teller aus. Das verheißt nichts Gutes.
»Und?«, frage ich nichtsdestotrotz.
»Na, was meinst du wohl?« Er ist deutlich verärgert.
»Mittlerweile habe ich keine Ahnung mehr«, antworte ich wie ein Volltrottel, »aber ich dachte, weil du mich magst.«
»Bravo!« Er nimmt sein Besteck wieder auf und isst mit stoischer Miene weiter.
»Ich habe aber nicht den Eindruck, dass du mich magst … so, wie du dich verhältst!«
»Wie verhalte ich mich denn?«
»So, als hätten wir überhaupt nichts miteinander zu tun!« Triumphierend stoße ich die Klage hervor. Jetzt muss er doch endlich begreifen, was ich meine. Irrtum!

Station 9: Harrys Entscheidung
…Erwartungsvoll schaut er mich an. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Das Gefühl ist wie Weihnachten vor vielen Jahren, als ich ein kleines Mädchen war und unter dem Christbaum Geschenke fand, von denen meine Eltern mir versichert hatten, dass ich sie auf keinen Fall kriegen würde. Ich bin sprachlos und ratlos gleichermaßen. Das kommt mir alles zu schnell. Dem Frieden traue ich nicht und will erst mal die Ereignisse abwarten. Genau das sage ich ihm.

»Vertraust du mir nicht?«, fragt er.

»Nein!«, antworte ich, und das ist die Wahrheit. Diese Kehrtwende kommt mir nicht geheuer vor, und ich sage Harry, er solle sich melden, wenn alles erledigt, klar und eindeutig ist. Beim Abschied auf dem Gehsteig reißt er mich leidenschaftlich in seine Arme und küsst mich, aber ich bleibe standhaft. Auch wenn es schwerfällt. Er winkt durch sein Autofenster, ich winke zurück und gehe dann einkaufen – ins teuerste Feinkostgeschäft der Stadt. Erst ein neuer Kunde und dann Harry! Wenn das kein Grund zum Feiern ist …

Ich stehe in der Küche und gieße Rotweinessig in die Salatschüssel, als das Telefon klingelt. Jämmerliches Schluchzen tönt durch die Leitung. Ich vermute, es stammt von Viktoria. Richtig vermutet.
»Er hat sich mit seiner Frau versöhnt.« Mit »er« kann nur John gemeint sein, ihr verheirateter Lover. »Ich bin so unglücklich!«


Station 11: Insel der Erkenntnis

… Der letzte Tag ist Feier-Tag. Wir feiern unsere umwerfende Bewusstseinsveränderung, und auf den Tischen im kleinen Restaurant stehen statt der bisher üblichen Wasserflaschen bauchige Karaffen, bis zum Rand gefüllt mir rotem und weißem Wein. Der drahtige, schwarzhaarige Kellner balanciert vergnügt eine riesige Platte aus der Küche und lässt sie auf den Tresen gleiten. Es verschlägt uns fast den Atem, und sprachlos starren wir auf ein Potpourri einheimischer Delikatessen.

Mittendrin in der Herrlichkeit thront ein riesiger, fettglänzender Schinken, um ihn herum kringeln sich lange, schlanke Salamiwürste mit weißer Schimmelpelle, eingerahmt von kleinen, runden Laiben aus Schafs- und Ziegenkäse, dazwischen dicke, in Teig gehüllte Pasteten. Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Übermütig johlend grapschen wir hinein in die Köstlichkeiten, reißen sie gierig auseinander, schieben und drücken sie uns gegenseitig in den Mund, bewerfen uns mit Oliven, schlagen mit Getöse unsere vollen Weingläser aneinander, strahlen, lachen und jubilieren, vorbei ist die Zeit der frugalen Askese, wir befinden uns im Schlaraffenland. Das haben wir auch verdient! Als dann der Koch und seine Küchenhilfen mit weiteren Platten durch die Klapptür drängen, ist die Stimmung nicht mehr zu bremsen. Gegrillter Fisch, Fleischspieße und Lammbraten verbreiten ihre himmlischen Düfte. Messer und Gabel sind jetzt fehl am Platz, solch ein Göttermahl bedarf keiner neuzeitlichen Gerätschaften. Wozu haben wir denn Finger? Das Abendessen artet zum Gelage aus, so ähnlich muss es bei den alten Römern zugegangen sein. Schmatzend, mit fetttriefenden Mündern, glänzenden Augen und schwappenden Weingläsern tanzen wir ausgelassen um die Tische herum, während Johannes in die Klampfe haut und 70er-Jahre-Lieder zum Besten gibt.

Station 14: Turnier der Erkenntnis
…Am Samstagabend sitzt Harry vor der Glotze, guckt Sportschau, trinkt Weißbier und wirft sich ein Gummibärchen nach der anderen in den Mund. Ich stehe in der Küche, wasche Salat, schneide Knoblauch für die Tomatensoße, die schon vor sich hin blubbert, und werfe Spaghetti ins kochende Wasser. »Tor, Tor!«, brüllt er zwischen zwei Bärchen und ruft dann in meine Richtung, dass es nett wäre, wenn ich ihm ein Weißbier brächte, er könne jetzt nicht aufstehen, das Spiel sei so spannend. Brav latsche ich in den Keller.
Die Spaghetti brodeln, und Harry meint: »Koch nicht wieder so viel Nudeln, ich hab keinen großen Hunger.«
»Vielleicht solltest du weniger Gummibärchen essen.«
»Willst du mir jetzt auch noch vorwerfen, dass ich Gummibärchen esse?«
»Nein, ich habe nur gesagt, dass es kein Wunder ist, wenn du keinen Hunger hast – bei der Menge Gummibärchen, die du dauernd in dich rein wirfst.«
»Ich weiß, was du gesagt hast«, unterbricht er mich, »du brauchst dich nicht ständig zu wiederholen, ich habe ein gutes Gedächtnis.«
»Fein! Dann wirst du dich auch erinnern, dass ich dir nichts vorgeworfen habe.«
Die symmetrische Eskalation bricht wieder über uns herein, ich muss ihr schleunigst ein Ende bereiten.

“Die Zeit mit Harry” – ein unglaublicher Liebesroman

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