Dusch mich, aber mach mich nicht nass!

regenschirm

Regelmäßig bekomme ich Manuskripte von Autoren geschickt, mit der Bitte um meine “ehrliche” Meinung. Mittlerweile kann ich sagen, dass kaum einer von ihnen wirklich an meiner Meinung interessiert ist. Der Autor will nur eines hören oder lesen: “Das Manuskript ist gut/prima/excellent.

Excellente Manuskripte sind rar. Prima Manuskripte ebenfalls. Selbst gute Manuskripte sind dünn gesät. Das ist schade, denn ich würde mich freuen, mehr gute Manuskripte auf den Tisch zu bekommen.

Manuskriptprüfung

Ein gutes Manuskript zu lesen, macht Spaß, manchmal bereitet die Arbeit daran sogar Freude. Aber diese Freude erlebe ich leider nicht oft. Das liegt zum einen daran, dass Schreibtalent nicht jedem in die Wiege gelegt wurde, trotzdem aber viele meinen, unbedingt ein Buch schreiben zu müssen. Zum Beispiel weil sie ein interessantes Leben haben; weil ihnen langweilig ist; weil sie glauben, ein zweiter Hemmingway oder Steinbeck oder King zu sein; weil sie ihre Lebensphilosophien oder Krankheitsgeschichten unters Volk bringen möchten … es gibt vielerlei Gründe, Autor zu werden. Nicht zuletzt auch der monetäre Aspekt, wobei eines klar sein muss: Als Autor sein Leben fristen zu können, ist eine Gunst, die nur wenigen Zeitgenossen zuteil wird.

Aber zurück zum Thema ehrliche Meinung. Meine Erfahrung ist, dass Autoren oft pikiert sind, wenn ich ihnen meine ehrliche/kritische Meinung mitteile.

Kostenlose Manuskriptprüfung?

Meine zweite Erfahrung ist, dass die Autoren, die ungefragt Manuskripte schicken, davon ausgehen, dass ich ihrem Werk erst meine Aufmerksamkeit schenke und mir dann auch noch die Mühe mache/Zeit nehme, meine Meinung zu formulieren. All das natürlich kostenlos.

Wer zum Anwalt geht, bezahlt pro Beratungsstunde mindestens 250 Euro – nach oben offen. Wer zum Zahnarzt geht, um seine Zähne untersuchen zu lassen, weiß genau, dass er für diese Leistung eine Rechnung bekommt. Warum also kommen Autoren auf die Idee, eine Manuskriptprüfung sei honorarfrei? Ich weiß es nicht. Das ist die eine Sache.

Trugschluss Nr. 1

Die andere Sache aber ist, dass Autoren sauer sind, wenn ich angesichts ihres Manuskriptes nicht in Begeistungsstürme ausbreche, sondern Kritik übe. Und wenn ich das mache, sage ich auch immer, was mir nicht gefällt, und ich sage auch warum. Und das bedeutet meist, dass Arbeit ins Haus steht – für den Autor. Denn es ist nicht Aufgabe eines Lektors, aus einem nicht besonders guten Manuskript ein gutes zu machen. Aufgabe eines Lektors ist, aus einem guten Manuskript ein besseres zu machen.

Trugschluss Nr. 2

Da Autoren dazu neigen, in ihr Manuskript verliebt zu sein wie ein Primaner in seine erste Angebetene, hegen die meisten eine abgrundtiefe Abneigung gegen meinen Vorschlag, es zu überarbeiten. Denn viele Autoren meinen, nach dem Setzen des letzten Punktes sei ihre Arbeit getan, der “Rest” sei Sache des Lektors. Und das ist der zweite Trugschluss. Das Überarbeiten eines Manuskriptes ist in erste Linie Sache des Autors. Und meine persönliche Erfahrung ist, dass eine Überarbeitung nicht reicht; eine zweite ist auf alle Fälle anzuraten; eine dritte kann auch nicht schaden.

Fehler über Fehler

Den meisten Manuskripten sehe ich auf den ersten Blick schon an, dass keine Überarbeitung stattgefunden hat. Zum Beispiel dann, wenn sie von Fehlern nur so trotzen: Das statt dass – und umgekehrt. Falsche und/oder fehlende Kommasetzung. Grammatik- und Rechtschreibfehler. Und da sind wir schon beim dritten Trugschluss.

Trugschluss Nr. 3

Fehler zu eliminieren, ist nicht Aufgabe des Lektors, sondern die des Korrektors! Wobei ich auch bei meiner Lektoratsarbeit Fehler korrigiere – als Service für denn Autor sozusagen. Trotzdem oder gerade deshalb ist es Aufgabe des Autors, sein Manuskript genau nach Fehlern zu untersuchen und sie zu korrigieren.

Rechtschreibprüfung

Viele Autoren schreiben ihre Manuskripte mit WORD. Dieses Programm hat auch eine Rechtschreibprüfung. Die ist zwar miserabel, aber die gröbsten Fehler findet sie zumindest. Der Autor sollte sich also die “Mühe” machen, sein Manuskript erstmal durch die Rechtschreibprüfung laufen zu lassen, bevor er es einem Lektor übergibt.

Trockendusche?

Wenn ich also so ein (nicht überarbeitetes) Manuskript angeschaut und dem Autor mitgeteilt habe, dass er es doch bitte sehr überarbeiten möge, stoße ich meist auf taube bzw. beleidigte Ohren. Von wegen: “Ich bitte um Ihre ehrliche Meinung …” Mein Fazit lautet deshalb: Die wenigsten Autoren möchten (m)eine ehrliche Meinung hören. Die meisten möchten lieber gebauchpinselt werden – ganz nach dem Motto: Dusch mich, aber mach mich nicht nass.

Man kann zwar auch mit aufgespanntem Regenschirm duschen, aber das Ergebnis dürfte nicht allzu befriedigend sein. Ähnlich verhält es sich mit einem Manuskript, das nicht kritisch und ehrlich bewertet wird. Davon hat nämlich niemand was; weder der Autor noch der Lektor, geschweige denn der spätere Leser.

Mittlerweile kann ich sagen: kaum ein Autor will meine ehrliche Meinung hören.

Da ist zum Beispiel der Autor, der nach meiner Empfehlung, das Manuskript intensiv zu überarbeiten, schreibt: “Mein Manuskript wurde bereits von einem Fachmann lektoriert …  “.

Dazu kann ich nur sagen: wenn dieses Manuskript lektoriert wurde – dann auf keinen Fall von einem Menschen, der davon was versteht.

Da ist die Autorin, 16 Jahre jung, der ich empfehle, ihre “flapsigen” Formulierungen zu überarbeiten. Antwort: “Das ist mein Schreibstil … und an dem werde ich nichts ändern”.

Ich kann verstehen, dass eine 16jährige Verbesserungsvorschläge als negative Kritik auffasst, aber es nutzt nichts, wenn ich ihr Honig um den Mund schmiere.Wenn ein Teenager einen Roman verfasst, so hat er meine Hochachtung. Aber diese Leistung allein ist kein Garant für literarische Qualität. Sie ist Fleiß, mehr nicht. Fleiß gehört zum Schreiben eines Buches dazu, ist aber nur zum Teil Voraussetzung für ein gutes Ergebnis.

Er gibt Gott sei Dank auch andere Erfahrungen. Das Manuskript einer anderen Autorin konnte ich auch nicht loben. Und ich habe auch gesagt, warum. Sie war nicht beleidigt, sondern nahm meine Kritik als Anregung, “eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen”. Damit meint sie, das Manuskript in die Tonne zu treten und den Roman neu zu schreiben.

So unterschiedlich sind Autoren. Nur mit den selbstkritischen kann ich zusammenarbeiten. Beleidigte Mimosen sind nicht bereit zum konstruktiven Dialog. Doch genau der ist Voraussetzung für ein “gutes” Buch. Was immer “gut” auch heißen mag …


Fazit

Ein Manuskript zu prüfen kostet Zeit. Und wenn ich mich – zum Beispiel – eine Stunde lang (meist länger) mit einem Manuskript beschäftige, dann beträgt das Honorar: EUR 125,00 + MwSt.

Ein Kommentar

  1. Ich glaube, viele Amateurschriftsteller haben keine Vorstellung davon, wie wichtig in den Verlagen die Stellung des Lektors ist. Ich habe gerade ein autobiographisches Buch des Starautors Karl Ove Knausgård gelesen. Darin beschreibt er ganz klar, wie eng und vertrauensvoll er mit seinem Lektor zusammenarbeitet. Und es fällt ihm kein Zacken aus der Krone, wenn er auf dessen Rat hört und ganze Kapitel umschreibt oder auch streicht.

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