In dem feinsinnigen, klugen und mit subtilem Humor geschriebenen Buch “Die Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann habe ich Folgendes gefunden:
“… In diesem Moment begriff er, dass niemand den Verstand benutzen wollte. Menschen wollten Ruhe. Sie wollten essen und schlafen, und sie wollten, dass man nett zu ihnen war. Denken wollten sie nicht.

Diese Meinung teile ich seit vielen Jahren, und täglich wird sie bestätigt. Von normalen und unauffälligen Menschen, von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und den Ruf von Intelligenz haben – leider auch von Autoren. Obwohl Autoren Menschen sind, bei denen man meinen könnte, Denken mache ihnen Spaß.

Doch genau das vermisse ich oft: den Spaß am Denken. Mit dem Denken verhält es sich übrigens ähnlich wie mit der Spontanität: Man kann sie nicht erzwingen. Für mich ergibt sich daraus folgende Konsequenz: Wer keinen Spaß am Denken hat, denkt nicht – zumindest nicht bewusst, aktiv und reflektierend. Entsprechend präsentieren sich viele Manuskripte und die aus ihnen entstandenen Bücher.

Da werden Texte hingeschludert, bei denen ich mich frage, ob der Verfasser sie aufmerksam gelesen, geschweige denn überarbeitet hat. Mein Fazit: er hat es nicht gemacht. Unglaubwürdiger Plot, unlogische Sequenzen, an den Haaren herbeigezogene Situationen und Ereignisse, dilettantische, ungelenke Formulierungen, langweilige, nichtssagende Dialoge … bei denen ich mich frage: “Was denkt der Autor, wenn er so schreibt. Denkt er überhaupt? Oft vermute ich, dass er wenig bis nichts denkt – sondern selbstverliebt seinen Text in die Tasten haut und dabei denkt (also doch!), nämlich: “Was bin ich doch für ein Genie. Was für eine hervorragende Formulierung habe ich da wieder aufs Papier gezaubert …” Formulierungen dieser Art sieht man die schwere Geburt an, wirklich guten Formulierungen hingegen nicht – weil sie in der Stille wirken. Dort aber umso intensiver.

Ich habe viele gute Bücher gelesen. Leseperlen, sozusagen. Literarische Kleinode, deren Lektüre Freude und Genuss bereitet. “Die Vermessung der Welt gehört auch dazu.” Unbedingt zu empfehlen – angesichts des gedankenlosen, dümmlichen und einfältigen Geschreibsels, das täglich mehr den Markt überschwemmt.

Und damit bin ich auch schon wieder beim Anfang des Artikels, beim Denken. Warum denken (der Begriff “meinen” träfe es besser) eigentlich so viele, dass sie schreiben können. Schreiben ist Kunst, Handwerk – Kunsthandwerk sozusagen. Und um das zu beherrschen, muss man einerseits Talent haben, andererseits aber auch bereit sein, zu üben und zu lernen. Wie in jedem anderen Beruf.

Lernen kann man übrigens beim Lesen “guter” Bücher, weshalb ich allen Autoren empfehle: Lest gute Bücher!

Ein sehr lesenswertes Buch hat übrigens die österreichische Autorin Marlen Haushofer geschrieben: “Die Wand”. Dieses Buch zählt (nicht nur) in meinen Augen zur Weltliteratur. Scheinbar einfach (einfach, aber gut zu schreiben, ist eine hohe Kunst, die nicht viele beherrschen) und brillant geschrieben. Ausgezeichnet beobachtet und unter psychologischen Aspekten sehr interessant.

Beim Lesen guter Bücher sollte man nicht in erster Linie auf den Unterhaltungwert achten, sondern auf die Ausdrucksweise, die Wortwahl. Dabei springen einem dann Formulierungen ins Auge, bei denen man sieht, wie man dieses oder jenes auch anders und vielleicht besser ausdrücken kann.

In diesem Zusammenhang werde ich nie einen Satz von Siegfried Lenz vergessen, entdeckt in einer seiner Kurzgeschichten: “Sie schlug ihre Zähne in einen Apfel …”

Dieser Link führt zu einer Bücherliste, die ich für lesens/lernenswert halte.

Und hier geht’s zu einer Kurzbeschreibung von “Die Wand” mit einem kleinen Textabschnitt, der mich sehr berührt hat.

Gedanken übers Denken

6 Kommentare zu „Gedanken übers Denken

  • 24. Februar 2021 um 09:24
    Permalink

    Vielleicht ist es tatsächlich so. Vielleicht gibt es immer mehr gedankenlos geschriebene Texte, weil viele Leser das gar nicht mehr merken – weil ihnen ein unlogischer Plot, nichtssagende Dialoge und ungelenke Formulierungen nicht auffallen. Möglicherweise gibt es wirklich einen schleichenden Verfall der Sprachkultur.
    Vielleicht gab es aber auch immer schon gedankenlose, untalentierte Autoren, nur dass die früher keine Öffentlichkeit fanden. Bis vor wenigen Jahren haben Redakteure und Lektoren den gröbsten Unsinn herausgefiltert, aber im Zeitalter des Selfpublishing gibt es diese Korrekturinstanz nicht mehr. Schade ist das vor allem für die Autoren selbst. Wie sollen sie ihren Stil verbessern, wenn sie sich nie mit professioneller Kritik auseinandersetzen müssen?

  • 6. März 2021 um 14:03
    Permalink

    Genau so sehe ich es auch, lieber Leo.
    Ich zum Beispiel fand das Lektorat meiner Romane von zwei professionellen Lektorinnen hochinteressant. Ich habe mir genau angeschaut, was sie wo geändert haben. Warum sie das gemacht haben, brauchte ich gar nicht zu fragen … es war eindeutig.

  • 7. März 2021 um 01:22
    Permalink

    Als ich depressiv war, könnte ich lange nicht lesen. Am Anfang las ich ganz einfache Bücher. Nichtssagende. Andere hätte ich nicht Geschäft. Jeden Tag wurde es besser. Und ich hab dieses Lesen genossen, weil es mir Ruhe gebracht hat. Ich will sagen, das Lesen jeder Art seine Berechtigung hat. Und damit auch einfach geschriebene Bücher.
    Aber lieber eine simple Geschichte, als ein komplexes Buch, dass nicht stimmig ist und nicht die Liebe zur Sprache in sich hat.

  • 7. März 2021 um 11:02
    Permalink

    Ein Buch war und ist für mich dann gut, wenn ich es von A-Z gelesen habe. Viele Bücher lese ich nicht mal bis Seite 20. Deshalb kaufe ich auch fast nur noch gebrauchte Bücher, weil mir die Sache sonst zu teuer würde.
    Was ich auch feststellgestellt habe: Bestseller sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Ebenfalls Bücher, die von den sogenannten Literaturexperten bis über den grünen Klee gelobt werden. Meiner Erfahrung nach entsprechen die nicht meinem Lesegeschmack. Dazu gehören auch die Bücher von Thea Dorn und Juli Zeh. Zu präsentiös … für meinen Geschmack.

  • 10. März 2021 um 08:43
    Permalink

    Das mit den Bestsellern kann ich bestätigen.

  • 10. März 2021 um 08:44
    Permalink

    Gute Bücher “einfach” zu schreiben, halte ich für eine hohe Kunst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.