Der Germanist und Literaturkritiker Malte Bremer hat ein Faible für satirische Texte. Manche verfasst er auch selbst. Hier ist einer davon:

Hurrah, wir verblöden!

Eine persönliche Vorbemerkung: Die Redaktion hatte mich gebeten, von dieser Veranstaltung zu berichten, denn die eigentlich zuständige Kulturredakteurin war plötzlich erkrankt — ich nehme stark an, sie wusste, was sie dort erwartet. Ich ließ mich überreden, auch wenn ich an diesem Abend eigentlich schon etwas anderes geplant hatte, aber was soll man machen? Job ist Job!

Angekündigt war ein „Wortakrobat“ namens Zimbl, und zwar im größten Saal unserer Stadt. Kurz gesagt: Es war das Grauenhafteste, was ich je erlebt hatte! Jedes Musikantenstadl hat mehr zu bieten als dieser Zimbl! Da zwängt sich ein fetter Hanswurst in ein Ganzkörper-Mauskostüm (oder Hamster- oder Teddybär- oder Hase- was auch immer, Hauptsache: dumm), hängt sich einen künstlichen Pimmel vor die Nase, und der ganze Saal lacht und schreit und klatscht und trampelt, als dieser Zimbl auftritt …

Man muss dazu sagen: Ich war tatsächlich der einzige Erwachsene in diesem Saal! Rundherum Kindergartenkinder, Grundschüler sowie Früh- und Hochpubertierende mit Wodkaflaschen.

Ich kann nicht umhin: In diesem Augenblick spürte ich zum ersten Male und zu meinem eigenen Entsetzen Sympathien für den IS! Jetzt hier eine Bombe hochgehen lassen – und eine Menge Dummheit wäre ein für alle Mal erledigt.

Rechtzeitig aber erinnerte ich mich an Erich Frieds Gedicht »Maßnahmen«, das ich hier illegalerweise abdrucke:

Die Maßnahmen
Die Faulen werden geschlachtet
die Welt wird fleißig

Die Hässlichen werden geschlachtet
die Welt wird schön

Die Narren werden geschlachtet
die Welt wird weise

Die Kranken werden geschlachtet
die Welt wird gesund

Die Traurigen werden geschlachtet
die Welt wird lustig

Die Alten werden geschlachtet
die Welt wird jung

Die Feinde werden geschlachtet
Die Welt wird freundlich

Die Bösen werden geschlachtet
die Welt wird gut

Wieder zuhause, habe ich eine ganze Flasche Whisky getrunken und auf ein Blackout gehofft – vergeblich, wie Sie sehen können. Meinen wirklichen Namen aber werde ich verschweigen, mir ist es peinlich, dabei gewesen zu sein …
Para C. Tamol

Zimbl beruhigt das Publikum, indem er es auffordert, die Taschenrechner leise zu schalten. Und dann legt er los:

Zimbl: »Na? Seid ihr alle daa?«

Publikum: »Jaa!«

Bezahlter Zwischenrufer: »Ich nicht!«

Gelächter, Geklatsche.

Zimbl: »Na, dann warten wir eben, bis du da bist!«

Lautes Gelächter.

Zimbl: »In der Zwischenzeit müsst ihr euch dann als Strafe ein Gedicht anhören, das ich extra für euch geschrieben habe.«

Kramt umständlich einen zusammengefalteten Papierfetzen aus seinem Kostüm, dreht den hin und her und herum, als könne er nicht richtig lesen.

Zimbl (schmalzig): »Eine Rose sitzt auf einer Dose und schmust famose mit einer Aprikose und flüstert: Oh, meine Hose wird lose!«

Begeistertes Gekreische und Gelächter.

Zimbl (schmalzig): »Da ruft die Dose: Lass die Aprikose lose, die hat Tuberkulose und leidet an Dextrose, so lautet meine Diagnose!«

Trampeln, Rufen, wildes Klatschen.

Zimbl: »Und wenn ihr jetzt alle da seid, können wir ja richtig anfangen!« Brüllt ins Mikrofon: »Seid ihr alle daa??«

Publikum brüllt »Jaa!!«

Zimbl: »Und wisst ihr auch, wer ich bin?«

Publikum begeistert: »Der Kasper!«

Zimbl: »Stimmt genau! Und deswegen will ich euch jetzt etwas zeigen!«

Zimbl stellt sich quer und bewegt den Kopf auf und ab, sodass der künstliche Pimmel auf und ab schwingt.

Zimbl: »Na, was seht ihr da?«

Publikum: kreischend, gröhlend »Einen Pimmel!«

Zimbl: »Aber wisst ihr auch, warum der da ist?«

Publikum: »Neiin!!«

Zimbl: »Das werde ich euch jetzt erzählen! Das war nämlich so: Ich war kürzlich wieder tropfnass, nachdem ich eine Weile im Springbrunnen am Marktplatz ge-legen habe, wo ich zu philosophieren pflege. Und als ich tropfnass nach Hause kam und meine Schwester Schwasi sagte, ich solle mich sofort umziehen, setzte ich das dann auch unverzüglich in die Tat um. Ist aber nur teilweise gelungen, denn nur der Pimmel ist umgezogen nach oben, während die Nase nach unten gezogen ist, so ne Art Wohnungstausch. Damit muss ich jetzt leben. Im Sitzen zu pinkeln ist jetzt sehr unangenehm, aber ich gewöhne mich dran. Zum Glück ist meine Nase geschützt, so muss ich das nicht riechen. Wenn das noch weiter so geht mit dem Umziehen, dann ist demnächst das Gehirn am Arsch und die Scheiße oben …

Kreischen, lachen, johlen, trampeln, klatschen, toben.

Zimbl: »Apropos Scheiße: Mir fällt gerade ein, ich hab euch ja noch gar nicht aufge-klärt, woher die doofen Namen kommen, Zimbl und Schwasi! Bei meinem Namen ist es ziemlich einfach: Ich erinnere mich noch, es war im Krankenhaus bei meiner Geburt. Meine Mutter war anderswo unterwegs und wurde dann im Kreißsaal von meiner Großmutter vertreten. Und als ich dann so durch diesen Geburtskanal raus sollte, stemmte ich mich mit aller Kraft dagegen, der war mir schließlich fremd! Ich war durch einen anderen rein gekommen! Mein Vater bemerkte das: ›Ziemlich blöd!‹ brüllte er und zog mich raus. Der Name war mir unangenehm, und mit seiner Genehmigung durfte ich ihn abkürzen.

Lachen, wiehern, grölen, juchzen.

Zimbl: »Bei meiner Schwester war es ganz anders, da war sogar unsere Mutter da-bei! Die konnte direkt nach der Geburt reden, also nicht meine Mutter, die konnte das schon vor der Geburt, also nicht von ihrer, sondern der von meiner Schwes-ter, aber meine Schwester konnte direkt nach ihrer Geburt reden, und das erste, was sie sagte, als sie mich sah, war: »Du guckst aber ziemlich blöd!« Das stimmte, denn ich hatte noch nie eine Schwester gesehen, da ich noch nie eine gehabt hatte, also überhaupt nicht wusste, was eine Schwester ist!«

Das Toben steigert sich weiter, manche nässen sich ein,vor allem die inzwischen alkoholisierten Spätpubertierenden.

»Ich antwortete meiner Schwester ›Und du bist schwachsinnig‹ – und Peng! hatte sie ihr Fett und ihren Namen weg: Schwasi! Dabei ist sie gar nicht schwachsinnig, sie ist nur schwachhörig. Das wirkt sich manchmal fatal aus, z. B. wenn sie mein Profil im Gesichtsbuch bearbeitet. Sie besteht darauf, dass der Pimmel dort bleibt, wo er hingehört! Da haben schon viele gepostet, das Bild sei überaltert, so sehe ich doch gar nicht mehr aus, manche ziehen gar ihre Likes zurück … Das macht mich manchmal traurig!«

Vielstimmiges Ooooooh …

»Aber wenn ich traurig bin, kommen mir die besten Ideen! Einmal habe ich einfach gelacht, da war es plötzlich vorbei! Und das letzte Mal habe ich beschlos-sen, mir ein Hobby zuzulegen, und dann habe ich angefangen, Briefkästen zu sammeln! Keine leeren Briefkästen, das wäre ja zu leicht! Nein, volle Briefkästen, das wurde richtig schwer. Ich nahm eine Anstellung als Briefkastenträger an und transportierte die vollen Briefkästen, wohin es gewünscht wurde. Da ich manche Orte nicht finden kann, bunkere ich diese in meinem Kaminzimmer, und manchmal lese ich ein bisschen in den fremden Rechnungen! Es freut einen so, wenn man die alle nicht bezahlen muss!«

Zimbls Handy läutet mit einer täuschend echten Bombenexplosion, verstärkt durch das Mikrofon. Das Publikum gerät in Panik, Stühle fallen um; die sich noch nicht eingenässt haben, tun es jetzt um so heftiger. Zimbl beruhigt die Menge mit einer segnenden Geste …

Allmählich beruhigen sich alle wieder.

Zimbl: »Wir sind gerade Zeuge einer Briefbombenexplosion geworden! Muss jetzt nach Hause und nachsehen, was aus meinen Briefkästen und meiner Schwester geworden ist: So, wie sie gesagt hat, hört sie jetzt wieder besser! Also Tschüss, bis zum nächsten Mal! Euer Kasper!

Donnernder Applaus. Vorhang.

Malte Bremer


Renates persönliche Anmerkung: Es gibt Texte, die kann man schnell lesen/erfassen kann. Maltes Texte gehören definitiv nicht dazu. Sie sind literarische Kleinode mit fein geschliffenen Facetten, die man mit Muße betrachten sollte, denn sonst übersieht man leicht das eine oder andere gut versteckte Funkeln. Und das wäre schade …

Hurrah, wir verblöden

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