Intelligente Unterhaltung auf bemerkenswertem Niveau

Michael Franz hat den Zukunftsroman “Im Jahr der Großen Mutter” von Clemens Alsleben aufmerksam gelesen. Hier seine Rezension.

Ende des 21. Jahrhunderts sorgt eine Revolution in Deutschland für eine Gesellschaft der Frauen, im Raum Hannover gab es sogar eine Atomexplosion. Das Land hat an Fläche verloren und besteht jetzt in der Form eines Kleeblattes weiter. Es gibt keinen Rechtsstaat, keine Demokratie, keine Religion. Zu umliegenden Ländern gibt es durchaus bilaterale Beziehungen, ihre Bewohner haben Namen, die uns heute fremd sind. Dennoch, Deutschland erscheint isoliert als eine Insel des Matriarchats inmitten anderer Gesellschaften, die nicht kompatibel sind. Berlin ist noch Hauptstadt, Sitz des Palastes und des Hofes.

Elektronisch gesteuerte Wesen in Frauengestalt
Machtinhaberin, alleinige Herrscherin ist die Große Mutter. Sie regiert, kontrolliert und sorgt persönlich für den Nachwuchs. Ihre Diktatur löst aber nur prima vista die uns heute bekannte Welt und Zivilisation ab. Denn die neue Herrschaft lebt über Errungenschaften der patriarchalischen Welt. So gibt es eine Energiebilanz für jedes Leben, eine technisch installierte und bürokratisch vollzogene Lebensverbrauchskontrolle mit staatlich ausgeübter Euthanasie. Das Leben ist dem Einzelnen gegeben, und ihm sogleich wieder genommen. Wie der Einzelne lebt, so verbraucht er, wenn nicht ein Transfer von Sterbenden oder Gönnern sein Konto auffüllt, was allerdings verboten ist. Zudem werden Strukturen und Verhaltensmuster, ja Rituale heidnischer wie feudaler Zeit etabliert und gelebt, von den Mächtigen nach Gutdünken. Staatsmacht wird zudem über Klone ausgeübt. Geklont sind freilich nur Frauen, die tatsächlich aber lediglich Wesen in Frauengestalt sind. Denn sie werden elektronisch gesteuert, sind Wesen ohne Selbstbestimmtheit, und tragen keine geistig-seelischen, keine emotionalen Züge in sich.

Entartete Tiere
Technische Macht geht soweit, dass Gedanken noch gelesen werden können, nachdem sie gedacht sind. Das Lesenkönnen auch von Gefühlen ist nicht mehr fern. Die staatliche Propagandamaschine ist perfekt, unterhaltsam und manipulativ. Zu diesen Lebensumständen kommen schlechte Ernährungslage mit staatlicher Kontrolle bis hin zur Zuweisung von Lebensmitteln, verseuchte Regionen, schlechte Hygiene, unsichere Öffentlichkeit, insbesondere nachts, Gefahren durch Waldmenschen, Bauernmärkte, Banden, entartete Tiere und kriegerische Auseinandersetzungen hinzu.

Sexuale Dualität
Auf der Ebene der Elite werden einige wenige Männer geduldet, sie werden sogar ein wenig noch geschätzt. Verbunden in der Gemeinschaft der ehrenwerten Mitglieder stehen sie der Regierung durchaus nahe und genießen so Privilegien wie zum Beispiel Amnestiekarten für den Fall einer Rechtsüberschreitung, genießen also so eine Art Diplomatenstatus. Klugheit und Bildung, Kultur, Humanität, urteilendes Denken, Wortkunst, Kreativität, menschliche Nähe und sexuelle Dualität bestehen so noch fort und erhellen als Reminiszenzen einer jüngst untergegangenen Gesellschaft und alter Freundschaften dieses staatlich konstituierte Konglomerat von widerspruchsbegründeter Skurilität. Das ändert sich mit dem Tod der Großen Mutter. Nun bleibt gar nichts mehr übrig. Der Bruch mit der durch die Revolution ab-gelösten Welt ist nun vollkommen, ist jetzt total. Und Dialoge benötigen jetzt noch weniger an Wortschatz.

Beischlaf ist verboten
Geschlechtsspezifische Verhaltenmuster sind keineswegs ganz aus der Welt, und das gibt etlichen der Protagonisten noch Reste von Liebenswürdigkeit. Auch Spiel-chen gibt es, nicht wenige. Sie laufen jedoch weitgehend innerhalb der Geschlechtlichkeit. Zwischen Mann und Frau besteht ansonsten Klarheit. Jeder weiß ohne Zweifel, woran er ist. Beischlaf ist gesetzlich verboten, Fortpflanzung steht unter Todesstrafe, sie steht nur der Großen Mutter zu, einige Frauen haben Sammelkarten, die nach Erfüllung zu einer Schwangerschaft und Geburt berechtigen. Viele Frauen haben Kontakte zu Männern in der unterirdischen Parallelwelt. Dort gibt es auch Nachwuchs, wie die Natur ihn vorsieht. Es gibt aber ebenso eine extrem hohe Homosexualität.

Aperçu der besonderen Art
Die Geschichte selbst ist das eine. Sie mag Anregungen geben. An der einen oder anderen Stelle kommen Dinge bekannt vor. Das aber spricht nicht gegen den Roman. Es ist doch nicht ungewöhnlich für einen reflektierenden Menschen, Geschichte, Wissen und Gegebenes zu nutzen. In der Zusammenführung, das wird hier für entscheidend gehalten, steht der Roman als etwas Eigenes da, zumal viele Ideen und Begriffe phantasiereich das Ganze, die Erzählung tragen und wesentlich prägen. Ein aperçu besonderer Art ist das angehängte Interview. Es nimmt vieles an denkbaren Einwendungen in der Verpackung auf, die Geschichte fortzuschreiben und ihr zudem ein Ende zu geben.

Bild einer neuen Welt
Das Tagebuch als stilistischer Rahmen des Erzählens durch den Schreiber des Tagebuches erfordert keine fertigen Sätze und keine Ausführlichkeit, keinen Beweis, denn ein Tagebuch ist im klassischen Sinne nur für den eigenen Gebrauch bestimmt, soll Ereignisse und Gedanken festhalten, um so die eigene Erinnerung zu unterstützen. Hier jedoch werden auch die Elemente der Erzählung, der Beschreibung und des Dialogs eingesetzt. Über die klassische Absicht wird also hinausgegangen. Auch ein Dritter, ihm fehlen ja die Assoziationen des Tagebuchverfassers, bekommt so ein umfassendes Bild von dieser neuen Welt, einer Welt schließlich, die nicht einmal mehr Diskussionen kennt.

Dynamik und Spannung
Die Umsetzung der Geschichte ist das Andere. Mit großem Wortschatz und hervorragendem Umgang damit wird das Thema sachverständig und fantasiereich entwickelt. Immer wieder kommt es beiläufig zu Überraschungen durch philosophische Betrachtungen oder Details in der Beschreibung, in der Feststellung von Gegebenheiten und Handlungen, nie ausgebreitet, sondern apodiktisch, lakonisch, ironisch und auch zynisch gefasst, in klarem Satzaufbau und klarer Satzfolge, die Erzählweise überhaupt. Dadurch erhält der Roman seine besondere Dynamik und Spannung, das bewirkt Frische, Lebendigkeit, Anregung und Anziehung und fordert nur zum Weiterlesen auf.

Gewichtiges Fragezeichen
Und alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht. In diesem Sinne ist hier sicher kein Plädoyer für das Patriarchat vermittelt. Zumal der geneigte Leser ja weiß, dass die Geschichte der Menschheit hinreichend belegt, wie sehr matriarchalisch geprägte Gesellschaften humane Herrschaft ausgeübt haben. So sind es denn auch gerade die patriarchalischen Errungenschaften, die hier ebenfalls unter gewichtigem Fragezeichen stehen.

Anspruchsvoller Spaß
Hier erscheint der Roman als ein sehr gelungenes Beispiel für ideenreichen und anspruchsvollen Spaß an Gedankenspielen über unsere jetzige Zeit, unsere Vergangenheit und die Menschen heute, über den Menschen an sich, als intelligente Unterhaltung auf bemerkenswertem Niveau.

Dr. Michael Franz, München 31. Mai 2013


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4 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Franz,

    mit ein wenig Verspätung komme ich erst jetzt dazu, Ihnen für die Lektüre meines Romans und die ausgewogene und wohlwollende Rezension zu danken.
    Für mich als Verfasser ist es von großem Interesse, zu erfahren, was ein Leser aus dem Buch herausliest und auch, was er nicht oder anders als der Verfasser wahrnimmt. Diese Erkenntnis ist viel spannender als jede Verkaufszahl.
    Einen Roman diesen Umfangs zu schreiben- das ist kein ganz einfaches Unterfangen. Vierhundert Seiten unbeschriebenen Papiers liegen vor einem und wollen gefüllt werden. Es wechseln sich Phasen der Flaute mit Glücksgefühlen ab, wenn – häufig nach einem guten Essen mit passendem Wein – die Inspiration nur so davon segelt. Im vorliegenden Buch bestand die Schwierigkeit darin, eine glaubhafte Person zu erfinden, die ein ebenso fiktives Tagebuch schreibt, alles in der Zukunft spielen zu lassen und dem Ganzen den Anschein des Dokumentarischen zu geben, ohne dass der Leser die möglichen Brüche und Verwerfungen eines solchen Vorgehens merkt.
    Natürlich habe ich als Autor kein neues Genre- wer könnte das noch?- erfunden, es gibt Vorbilder und zahlreiche literarische und historische Anspielungen, die allerdings bisher kein Rezensent entdeckt hat. Ein Plagiat ist meiner Meinung nach dennoch nicht entstanden.
    Die dem Roman zugrunde liegende These lautet, dass unsere Zeit Gefahr läuft, den Menschen seiner Individualität zu berauben und alles an Transzendenz zu beseitigen, sodass er zu einem rein biologischen Wesen wird. Darauf lassen sich, wie in diesem Buch geschehen, völlig krude politische Systeme aufbauen, deren Skurrilität Sie sehr schön bemerken. Ist diese Eigenschaft nicht auch den brutalsten Diktaturen unserer Zeit zu eigen?
    Mich wundert allerdings, dass keiner der bisherigen Rezensenten mit der Figur des fiktiven Tagebuchschreibers etwas anfangen konnte. Es war gerade eine meiner Hauptbemühungen, sein Schwanken zwischen Anpassung, innerer Emigration, Überlebenswillen und zuletzt Widerstand sichtbar zu machen. Ist mir das nicht gelungen? Sein scharfer Blick für die Auswüchse seiner Zeit und seine Lakonie machen ihn doch gerade als Chronisten glaubhaft.
    Vielleicht wird diese Person in der Lesung des Romans von Professor Schmidt fassbarer, die jetzt in einzelnen Leseproben auszugsweise erscheinen wird. Er schafft es, diesem Clemens Alsleben eine besondere Würde zu geben und ihn plastisch werden zu lassen.

    Mit freundlichem Gruß

    Ihr

    Uwe Niemann

  2. Lieber Dr. Niemann, wie schön, dass hier eine Diskussion zustande zu kommen scheint. Denn jedes Mal, wenn ich von Ihnen etwas lese in bezug zur “Großen Mutter”, finde ich neue Erkenntnisse.

    Und jetzt ist es meine ganz persönliche Herausforderung, endlich mal meine Gedanken zu Ihrem Werk zu formulieren, die bislang noch in den Tiefen meines Unterbewusstseins ruhten:

    Als ich Ihr Manuskript das erste Mal in Händen hielt (am Bildschirm gelesen habe), war ich sehr überrascht. Überrascht von der Sprache, den Gedanken, dem subtilen Humor, der Selbsterkenntnis, dem Fatalismus, den differenzierten und dialektischen Überlegungen, den ausgelassenen Gefühlen, der fröhlichen Phantasie, der Gesellschaftskritik ohne Vorwurfshaltung … ja, lieber Uwe Niemann, Ihr Werk hat mir Freude bereitet. In vielfacher Hinsicht.

    Ich bin weder Germanistin noch Literaturwissenschaftlerin. Ich bin lediglich eine kreative Frau mit Liebe zum Lesen und Schreiben.

    Ich lese vorrangig mit dem Bauch – mit Anspruch auf die “Kunst” der Formulierung. Das Wörtchen Kunst habe ich absichtlich in Anführungsstriche gesetzt, weil mich Lesen mit dem Kopf (was viele Literaturkritiker mit Hingabe zelebrieren), nicht interesssiert. Mich muss ein Buch berühren.

    Tut es das nicht, ist es entweder miserabel geschrieben oder langweilig, und in beiden Fällen schmeiße ich es weg (oder verkaufe es wieder).

    Dann gibt es noch die Variante des Nichtwohlfühlens. Ein Buch, mit dem ich mich nicht wohlfühle, das ich aber trotzdem lese, bringt mich zum Nachdenken. Zum Nachdenken darüber, WARUM ich mich nicht wohlfühle. Bei Coetzee zum Beispiel widert mich seine Hoffnungslosigkeit an, was wohl eines seiner Markenzeichen zu sein scheint. (Ich vermute dahinter ein persönliches Trauma …)

    Bei Ihrem Buch ist der Schluss ebenfalls hoffnungslos. Aber nicht aus Gründen persönlicher Resignation, sondern aus pragmatischer Entscheidung heraus. Weil es definitiv keinen Grund zur Hoffnung mehr gibt.Schluss. Aus. Ende.Die Menschheit eliminiert sich selbst. Insofern ist die Konsequenz des Protagonisten nicht hofflungslos, sondern konsequent.

    Und das ist ein wesentlicher Unterschied zu Coetzee: Der Protagonist seiner Bücher hat immer eine Wahl. Alsleben hat keine Wahl. Zumindest keine, die ihm Individualität erlaubt.

    Und das ist ein Grund zum Nachdenken …

    Wer von uns darf heute (80 Jahre vor Ihrem Tagebuch), seine Individualität leben? Vielleicht gelingt es manchen, in privaten, intimen Situationen. Draußen, in der Öffentlichkeit bewegen wir uns längst stereotyp. Wir leben jetzt schon als Klone – obwohl wir uns so sehr wünschen, unsere (noch vorhandene) Individualität zu leben.

    Ich empfinde Ihr Buch als Mahnmal, lieber Uwe Niemann. Erstaunlich, dass mir das heute – am 4. Juni um 22.59 Uhr – zum ersten Mal so richtig bewusst wird. Aber besser später, als nie …

    Am meisten Spaß hat mir die Lektüre gemacht, als ich das das gedruckte Exemplar in der Hand hatte. Und ich es endlich “lesen” konnte. Einfach nur lesen. Und dabei das Auge der Lektorin geschlossen halten durfte. Und ich kann Ihnen sagen, lieber und verehrter Dr. Niemann: Die Lektüre hat mir sehr großes Vergnügen bereitet.

    Ich gratuliere Ihnen zu diesem Werk. Von ganzem Herzen. “Im Jahr der Großen Mutter” ist Literatur für mich. Im Gegensatz zu vielem, das als solche bezeichnet wird.

    Ihre Renate Blaes

  3. Lieber Herr Niemann,

    danke, dass Sie sich zu meiner Rezension geäussert haben, zu der ich wohl nicht sagen muss, dass ich ja kein Literaturkritiker bin, sondern nur Leser, und als solcher gefällt mir Ihr Roman eben sehr gut.
    Ihre Verwunderung darüber, dass ich den Hauptprotagonisten nicht erwähnt habe, die hat mich aufgerüttelt und mich infrage gestellt. Offenbar war ich doch sehr durch die Geschichte selbst gebannt, und das erging den anderen Rezensenten vielleicht ebenso. Zwar habe ich die Person des Tagebuchschreibers gerade auch in ihrer Problematik wahrgenommen, aber nichts weiter als ein Opfer seiner Zeit gesehen, geschützt durch Privilegien.
    Freue mich auf den angekündigten Roman.
    Ihr
    Michael Franz

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