Rezension: Im Jahr der Großen Mutter

Rezension zu „Im Jahr der großen Mutter“ von Clemens Alsleben:
Deutschland im Jahr 2093: Es wird immer noch von einer Frau regiert, aber diesmal eine, deren Herrschaftsmethoden sich stark von denen einer Frau Merkel unterscheidet. Deutschland, oder das, was davon in dieser zerstörten Endzeitwelt übrig ist, wird von Frauen beherrscht, angeführt von der „großen Mutter“ Alexandra III. Geklonte Hybridmenschenfrauen sorgen für die innere Sicherheit, ein totalitäres Regime aufrechterhaltend, in dem das Denken verboten ist und sogar das Schreiben eines Tagebuches ein lebensgefährliches Verbrechen darstellt. Für Männer ist in dieser Welt kein Platz mehr, sie wurden kastriert, in Reservate abgedrängt oder flüchteten in den Berliner Untergrund, in dem früher mal die U-Bahnen fuhren. Aber dieses System kriselt. Versorgungsschwierigkeiten und Anschläge der abgedrängten Männerbanden setzen Alexandra III unter Druck.

Erzählerisch wird das Ganze durch einen offenbar männlichen, aber ebenfalls kastrierten Ich-Erzähler vermittelt, der, als eine Art Freund der Herrscherin, in deren innere Palastwelt Zutritt hat.
Handwerklich ist „Im Jahr der großen Mutter“ gut geschrieben. Auch die Zukunftsutopie ins Jahr 2093 ist an sich eine gute Sache, wenn sie gut zu Ende gedacht ist. Und genau daran mangelt es in diesem Werk meiner Meinung nach. Der Übergang Deutschlands von einer Gesellschaft der Individualisten zu einer erneuten totalitären Diktatur wird nicht überzeugend begründet und erscheint mir auch insgesamt wenig plausibel. Auch wenn die Deutschen – Luther oder Kaiser Wilhelm sei Dank – kein sehr revolutionsbereites Volk sind und der schlafmützige „Michel“ bis heute durch die Karikaturen geistert, wäre es doch zumindest aus meiner Sicht erklärungswürdig gewesen, wieso nicht mehr Leute sich gegen diese Zukunftsdiktatur gewehrt hätten, ehe sie umgesetzt wurde. Aber nun gut, bekanntlich kann in 80 Jahren deutscher Geschichte allerhand passieren, wie uns erst neulich am 80. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung medienwirksam in allen TV-Kanälen und Gazetten vor Augen geführt wurde.

Aber es ergibt sich für mich noch ein weiteres, rein psychologisch schwer zu lösendes Problem: Zugleich ist es für mich schwer vorstellbar, dass Frauen eine solch totalitäre Diktatur errichten würden. Auf solche Ideen kamen in der Geschichte bisher jedenfalls nur Männer, die eher zu Hierarchie neigen, als dies Frauen für gewöhnlich nachgesagt wird. Rein thematisch ist mir das Thema einer diktatorischen Zukunft seit „1984“ und selbst seit „Brave New World“ jedoch längst zu „ausgelutscht“ (Dieses Wort würde ich wählen, wenn es nicht leicht sexistisch besetzt wäre und missverstanden werden könnte – oh, leben wir vielleicht doch schon am Beginn einer Frauenherrschaft?). Ich hätte mir von einer Zukunftsvision mehr kritische Auseinandersetzung mit tatsächlichen aktuellen Problemen gewünscht, wie Individualisierung, Entfremdung der Menschen voneinander und der Herrschaft der Medien, dem Fehlen von Idealen und großen gesellschaftlichen Zielen. Diese Anschlussleistung zu unserer heutigen Gesellschaft gelingt dem Autor einfach nicht.

Zu guter Letzt ist rein erzähltechnisch noch anzumerken, dass mir persönlich die Spannung fehlte, gewissermaßen das „erregende Moment“, (auch hier wieder die Frage, wie lange sich der Begriff noch halten dürfte). Das Buch ist über weite Strecken zu beschreibend und verlässt sich zu sehr auf die Schilderung der Zukunft. Etwas zu lange für meinen Geschmack!
M. R. (voller Name ist dem Verlag bekannt)

Hier die Antwort des Autors:

Lieber Rezensent,

vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Buch zu lesen und eine Kritik zu verfassen. Zu Recht legen sie den Finger an eine wunde Stelle, die “Ankopplung” meines Buchs an die gegenwärtigen politischen und geselschaftlichen Bedingungen. Ich habe lange darüber nachgedacht und versucht, das Problem mit zwei Kunstgriffen zu lösen. Zunächst habe ich eine Zeit ausgesucht, die weit genug von unserer Gegenwart entfernt ist und dennoch erkennbar Relikte unseres Lebens enthält. Achtzig Jahre sind überschaubar, vierhundert dann nicht mehr. Zudem habe ich den formalen Aufbau eines Tagebuchs gewählt, in dem der Chronist beschreibt und nachdenkt, aber nur selten analysiert. Er ist eben in seiner Zeit gefangen wie wir in unserer. Dass so ein Kunstgriff glücken kann, sieht man wunderbar an einem anderen Roman, “Eines Menschen Herz” von William Boyd, dessen Lektüre ich nur wärmstens empfehlen kann. Ein solches Vorhaben kann keinen Spannungsbogen enthalten, wie ihn der Germanist aus dem klassischen Drama kennt, genausowenig wie sich das Leben der Menschen am Aufbau von “Kabale und Liebe” oder dem “Faust” orientiert.

Es erstaunt mich allerdings, dass Sie eine Grundlage dieses Buches nicht verstanden haben oder nicht verstehen konnten, nämlich den schleichenden Verfall gewisser Werte, die bisher als unumstößlich anerkannt wurden. Haben Sie sich darüber informiert, was der japanische Premierminister über den Umgang mit schwer erkrankten Patienten hat verlauten lassen? Über die Aufweichung der Regeln der Hirntodfeststellung bei Organtransplantation, die von deutschen Fachgesellschaften propagiert wird? Über genetische Manipulationen, die erst dann auf Ablehnung stoßen, wenn in den Labors längst die Weichen gestellt sind? Die Aufweichung der Werte geschieht schleichend, bis die Gesellschaft einem diktatorischen Prinzip, das eine noch so krude Ideologie vertritt, nichts entgensetzen kann. Ein großes Erdbeben wird durch kleine seismographische Erschütterungen angekündigt. Ich möchte Ihnen dringend raten, den Mut zu haben, über den Zaun Ihres germanistischen Geheges zu blicken. Sie werden erstaunt sein. Eigentlich hatte ich vor, noch ein paar Zeilen zu den Fragen weiblicher Brutalität zu schreiben. Ich möchte Sie allerdings lieber auf den Hauptartikel des Zeitmagazins vom 28.2.2013 hinweisen, der doch sehr erhellend ist.

Auch eine andere wichtige Grundlage des Romans scheinen Sie nicht zu erkennen, obwohl sie so offensichtlich ist. Der Roman geht doch gerade der Frage nach, wie der einzelne in einer Diktatur überleben kann. Der Chronist in dieser politischen Zukunftsparabel ist ein kritischer Mitläufer, der überleben kann, weil sein Verstand und seine Ironie ihn gegen Auswüchse des Systems immun machen.

Hoffentlich hat die Länge des Buches Sie nicht allzu sehr gelangweilt und ich danke Ihnen für ihre ausführliche Kritk, obwohl sie wesentliche Eigenschaften des Romans verkennt.

Ihr dankbarer Autor
Clemens Alsleben


Anmerkung des Verlags: wer ein Rezensionsexemplar wünscht, kann das gern bestellen.

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