Auszug aus dem ersten Kapitel: TitelDer frühe Gast
Ich kann nicht behaupten, dass meine Nächte damals in der Bakerstreet sonderlich erholsam waren. Mein altes Zimmer stand nicht mehr zur Verfügung, denn Holmes nutzte es zu mir unbekannten Zwecken. So hatte ich eine Kammer direkt neben den Räumen meines Freundes bezogen, die sehr beengt, aber dennoch zweckmäßig eingerichtet war.
Wie viele Menschen, die keinem geregelten Beruf nachgingen, hatte sich auch bei Holmes der Rhythmus des Tagesablaufs geändert und manche Tätigkeiten zogen sich bei ihm bis weit nach Mitternacht hin. Oftmals durchwachte er die Nacht, um morgens sonderbar aufgeräumt und in heiterer Stimmung zum Frühstück zu erscheinen, während er am Abend zuvor schweigsam und verstimmt schien und auf meine Fragen nur einsilbig geantwortet hatte.

Während meines damaligen Aufenthalts bei meinem Freund schlief ich selten durch, denn allerlei seltsame Geräusche aus dem Nebenzimmer weckten mich immer wieder auf, ohne dass ich sie näher zuordnen konnte. Manchmal war Holmes in Selbstgespräche vertieft, deren Inhalt ich kaum verstand und die meistens von Selbstvorwürfen handelten, die er sich machte, wenn er uralte Fälle rekapitulierte, in denen er versagt hatte. Dann schalt er sich einen Toren und schien sich mit Beschimpfungen selbst zu kasteien. Seine geliebte Violine kam häufig in der Frühe zum Einsatz und nur der Ruhm meines Freundes dürfte verhindert haben, dass sich die Nachbarn über den Lärm in der Nacht beschwerten. Dabei folgte sein musikalischer Stil nicht dem Zeitgeschmack, sondern seine Darbietungen schienen merkwürdig bruchstückhaft zu sein, Versatzstücke aus einer wüsten Harmonielehre, die für mich keinen melodischen Sinn ergaben.
Ich konnte mir dieses Phänomen nur so erklären, dass sein ständig produzierender Geist ein Ventil benötigte, um die überschüssige Gedankenflut auf eine halbwegs zivile Art zu entsorgen.
An diesem denkwürdigen Morgen schlief ich nach der nächtlichen Ruhestörung länger als sonst und es war schon hell in meinem Zimmer, als ich mich erhob. Holmes hatte freundlicherweise mit dem Frühstück auf mich gewartet, der Raum war angenehm geheizt, gelüftet und aufgeräumt, sodass von dem Treiben der vergangenen Nacht nichts mehr zu ahnen war. Er hatte Mrs. Hudson in ein kurzes Gespräch verwickelt, die das Angebot zu einem der wenigen Schwätzchen gerne annahm, während sie sonst das eingespielte Räderwerk des Haushalts ohne viele Worte am Laufen hielt.
Holmes lobte die vorzügliche Zusammenstellung der Speisen, besonders die gebackenen Bohnen, und bemängelte nur die Gurkenmarmelade, deren Stücke ihm zu groß geraten schienen, was Mrs. Hudson eine gern angenommene Gelegenheit bot, über das neue schottische Dienstmädchen zu schimpfen. Man einigte sich schließlich darauf, dem armen Ding, das vom Land in diese Großstadt gekommen war, noch etwas Zeit zur Eingewöhnung zu geben.
Ich war gerade mit der Eierspeise fertig und wollte die Zeitung aufschlagen, als es an der Tür schellte. Der Zeitpunkt war für einen Besuch sehr ungewöhnlich und ich bemerkte, wie Holmes Haltung sich straffte und er aufmerksam zu lauschen schien.
„Es geht los, Watson, denken Sie an meine Worte von gestern“, murmelte er und machte dann ein Handzeichen, um mir anzudeuten, dass wir schweigen sollten.
Von dem Gespräch zwischen dem Besucher und der Haushälterin, die mit einiger Verzögerung die Tür geöffnet hatte, bekamen wir nichts mit. Mrs. Hudson stieg die Treppe hinauf, klopfte und trat ein.
„Ein Herr wünscht Sie zu dieser Zeit zu sprechen“, brachte sie in einem vorwurfsvollen Ton hervor und ihre Missbilligung war trotz ihrer angestrengten Atemgeräusche hörbar. Schon seit einigen Wochen bereitete ihr das Treppensteigen erhebliche Mühe. Sie hielt uns ein silbernes Tablett mit einer Visitenkarte hin, auf die mit offensichtlich erregter Hand der Name „William R. Corless, Esq.“ geschrieben war. Weitere Angaben zu Stand und Herkunft fehlten.
Holmes untersuchte die Karte, ohne von Mrs. Hudson Notiz zu nehmen, sodass ich unsere Haushälterin bat, dem Gentleman mitzuteilen, er solle zu einem Zeitpunkt wiederkommen, der uns gelegener wäre und den üblichen Konventionen eines Besuchs am späten Vormittag mehr entspräche.
„Warum so streng, Watson?“, mischte Holmes sich ein und legte die Visitenkarte zurück, an der er zuletzt geschnuppert hatte. „Edelstes Papier aus einem größeren Bogen sorgfältig herausgeschnitten. In Frankreich hergestellt, vielleicht in Paris, nur der Jahrgang fällt mir nicht ein. Einen Herrn, der so teures Papier so sorglos beschriftet, lässt man nicht einfach stehen wie einen unpünktlichen Handwerker. Mrs. Hudson, bitten Sie den Herrn herauf!“
Unsere alte Haushälterin hatte zusammen mit ihrer Sparsamkeit in der Haushaltsführung eine sinnvolle Ökonomie ihrer Bewegungen entwickelt, die ihrem zunehmenden Alter und ihren Gelenkbeschwerden geschuldet war und die sie von unnötigen Gängen anhielt, sodass sie auf dem oberen Treppenabsatz stehen blieb und dem Besucher mit einer Handbewegung andeutete, er möge nach oben kommen, wo sie ihm Hut und Straßenmantel abnahm. Holmes, der behauptete, aus der Schrittfolge eines Menschen auf dessen Charakter schließen zu können, lauschte dem Takt der Absätze auf der hölzernen Treppe, die mit einer unbestechlichen Regelmäßigkeit wie bei einem Metronom aufeinanderfolgten.
Ich darf behaupten, in meinem ganzen Leben noch nie einem Gentleman begegnet zu sein, der so offensichtliche körperliche Vorzüge mit einer würdevollen männlichen Haltung verband, zu der noch vornehme und edle Charakterzüge traten, wie sich aus dem Fortgang der Handlung ergeben wird. Mr. Corless musste das vierte Lebensjahrzehnt beendet haben, erste graue Strähnen durchzogen das von Natur aus sehr dunkle und leicht gewellte Haar und in den feinen Linien seines länglichen Gesichts spielte eine offenherzige Mimik, die seine Gefühlsregungen unverfälscht wie in einem offenen Buch erkennen ließ.
Wir erhoben uns und begrüßten den Gast, der einige höfliche Floskeln als Entschuldigung seines frühen Erscheinens vorbrachte. Er nahm an unserem Frühstückstisch Platz, lehnte aber eine Einladung zur Teilnahme ab und bat nur um ein Glas Wasser. Holmes zündete sich seine übliche Pfeife an und forderte den Gast mit einer einladenden Handbewegung auf, sein Anliegen vorzutragen.
„Sie sehen mich hier, meine Herren“, begann Mr. Corless seinen Vortrag, „Sie sehen mich hier in einer Lage, die ich nicht gewohnt bin und deren Bedeutung ich nicht abzuschätzen vermag. Ereignisse von ungeheurer Tragweite könnten Folge meines Besuchs sein, so wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in einer tropischen, aufgeheizten Atmosphäre ein Unwetter gigantischen Ausmaßes auslösen könnte. Ich muss mich daher ihrer absoluten Verschwiegenheit und Loyalität zu den Grundfesten unseres Gemeinwesens versichern.“
Holmes nickte zustimmend und ich betonte meine Verpflichtung zum Schweigen.
„Gut. Ich möchte Ihnen zunächst etwas zu meiner Person mitteilen. Ich bin der Privatsekretär einer hochgestellten, ich darf sagen, höchstgestellten Persönlichkeit unseres Landes und habe mir in den letzten Jahren wegen meiner absoluten Loyalität ein gewisses Vertrauen meines Herrn erworben. Ursprünglich war ich mit der Sichtung der reichen Buchbestände seines Hauses beauftragt, habe aber bald die Privatkorrespondenz übernommen und erhielt so Einblicke in sehr intime Details der Familie, der zu dienen mir nun seit zwanzig Jahren Ehre und Ansporn ist. Dies allein ist natürlich kein Grund, Sie aufzusuchen, sodass ich Ihnen nun das entsetzliche Ereignis des gestrigen Morgens schildern muss, das unser aller geruhsamen und geordneten Alltag so stark durcheinandergewirbelt hat.“
Der Erzähler sah mit einem Ausdruck ehrlichen Kummers in die Runde.
„Nun also zu den Einzelheiten. Seine Hoheit saß gestern Morgen wie immer mit Ihrer Hoheit, seiner Gattin, im Speisezimmer, um sein erstes Frühstück einzunehmen. Sie müssen wissen, dass das eigentliche Frühstück um zehn Uhr in Anwesenheit der ganzen Familie, der Vertrauten und eventueller Gäste stattfindet und einen durchaus zeremoniellen Charakter besitzt, während das kleine Dejeuner im roten chinesischen Salon eingenommen wird, wobei nur George, der langjährige erste Diener Seiner Hoheit, bei Tisch serviert. Die Speisen, übrigens nur etwas Toast, Butter und Marmelade, werden aus der Küche heraufgeholt und in einem Vorraum vor dem Speisezimmer unter großen Silberglocken aufbewahrt, bis die Hoheiten Platz genommen haben. Zuerst betritt Seine Hoheit den Salon, Ihre Hoheit kommt später dazu und benutzt eine hinter einer Tapete versteckte Tür, die über eine Treppe direkt zu ihren Gemächern führt. Sie meidet morgens die Flure, da sie im Morgenmantel erscheint und sich erst später für den Tag einkleidet.“
Mr. Corless hielt inne, und Holmes gab durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass er die Besonderheiten im Tagesablauf der hohen Herrschaften zur Kenntnis genommen habe.
„Nichts deutete zunächst auf Ungewöhnliches hin“, fuhr Mr. Corless fort. „George bediente als Erstes Ihre Hoheit mit dem Silberkorb, der das Toastbrot enthält, dann Seine Hoheit, und so weiter. Er reichte Ihrer Hoheit den gekühlten Teller mit der Silberglocke, unter der ansonsten die Butter, übrigens normannische Salzbutter, aufbewahrt wird. Und dann geschah es. Ihre Hoheit hebt den Silberdeckel ab, aber leider findet sich darunter nicht der gewünschte Brotaufstrich, sondern …“
„Sondern?“, fragte Holmes und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, da er von der umständlichen Erzählweise unseres Besuchers unruhig wurde.
„Sondern eine menschliche Hand.“


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Sherlock Holmes und das Rätsel der eiskalten Hand

6 Kommentare zu „Sherlock Holmes und das Rätsel der eiskalten Hand

  • 15. Juni 2014 um 17:54
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    Der Appetithappen liest sich sehr spannend! Sehr cool. Herrn Niemanns feine Beobachtungsgabe und sein Sinn fürs Detail dürfte Sherlock Holmes sehr zugutekommen und den Krimi auf hohem Niveau halten. Gibt es den nur als Ebook? Muss mal stöbern gehen …

  • 15. Juni 2014 um 17:58
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    Nein, liebe Doris, das Buch wird auch gedruckt.
    Und ja, ich teile deine Meinung: Der Krimi ist auf SEHR hohem Niveau. Schreibstil und Plot gleichermaßen.

  • 15. Juni 2014 um 20:38
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    Gib mir bitte Bescheid, wenn das Werk auch gedruckt erhältlich ist, ja? 🙂

    Liebe Grüße!
    Doris

  • 15. Juni 2014 um 20:46
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    Mach ich, liebe Doris!

  • 21. September 2014 um 16:06
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    Hallo Renate,
    ich habe mir den Roman bei amazon bestellt. Bin schon sehr gespannt!

    Viele Grüße,
    Doris

  • 21. September 2014 um 16:09
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    Er wird dir gefallen!

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