Wer viele Texte liest, weiß um das Leiden des Literaturkritikers Malte Bremer, wenn er z. B. “Die Beschleunigung der Angst” bespricht, oder “Sämtliche Gottesbeweise”.

Nicht erfahrenen Autoren (auch manchen erfahrenen) rate ich immer wieder: Verzichten Sie auf bemüht witzige Formulierungen, denn an denen hat der Leser nicht wirklich Spaß.

Ebenso überflüssig sind (viele) Adjektive. Erstens ist es besser, das Adjektiv zu “ersetzen” durch erzählerische Sprachkunst. Einen “großen” Mann beschreibt man besser damit, dass er sich beim Eintreten in ein Zimmer ducken muss, um sich nicht den Kopf am Türrahmen zu stoßen. Zweitens sind viele Adjektive nicht nötig, wie z. B. bei diesem Satz: lange braune Haare, die über ein gelbes, ärmelloses Oberteil fielen. (gefunden bei der Besprechung zu “Beschleunigung der Angst”. Denn wenn Haare auf ein Oberteil fallen, weiß der Leser von allein, dass sie nicht kurz sind, es sei denn, der Haarbesitzer leidet unter Haarausfall.

Textkritik im Literaturcafé

4 Gedanken zu „Textkritik im Literaturcafé

  • 11. Februar 2014 um 20:25
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    Liebe Renate,

    hier möchte ich Dir doch ausnahmsweise ein wenig widersprechen. Literarische Texte sind redundant, enthalten also mehr Informationen als zum elementaren Verständnis notwendig sind. Wenn wir alles an Ausschmückung weglassen, bleibt die Kargheit einer Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine.
    Ein wunderbares Beispiel habe ich letztens in einem Buch gefunden, in dem ich in einer Buchhandlung geblättert habe: Der Spiegel der Medici, ein pseudohistorischer Roman mit vielen erotischen Einlagen, die heute zum Aufpeppen des Themas nötig sind. Das stand doch tatsächlich: “Er drang jäh in sie ein”, was etwa den Charme der Beschreibung einer Tetanussimpfung mit Spritze hat. Bei dieser schmerzhaften Erfahrung möchte man doch lieber nicht dabei gewesen sein und eine ein wenig blumigere Ausstattung hätte dem Ganzen wohl getan. Ich fürchte, der Lektor hat in dieser Passage zäh geschlafen.
    Übrigens müssen lange Haare nicht umbedingt über ein Oberteil fallen, sie können auch streng hochgebunden sein. Vielleicht wollte der Autor seiner Protagonistin einen Hauch Ungebundenheit geben. Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil der Redundanz, sie kann nämlich dem Leser eine gewisse Vieldeutigkeit vermitteln.

    Viele Grüße

    Uwe

  • 11. Februar 2014 um 21:25
    Permalink

    Lieber Uwe, grundsätzlich gebe ich dir Recht. Die Rede ist auch nicht von Redundanz als solcher, sondern einfach von schlechter Sprache. Es gibt ja auch Texte, in denen Wiederholungen und Redunzanzen gewollt sind.

    Die im LIteraturcafe gezeigten Textbeispiele demonstrieren einfach einen Schreibstil, der per se nicht gut ist. Abgesehen davon, ist sowieso alles Geschmackssache, wie “Shades of Grey” zeigt. Ich kenne da einen Zukunftsroman, für den sich kein Schwein interessiert, der aber meiner Meinung wirklich große Literatur ist …Aber die Bildzeitung hat ja auch eine deutlich höhere Auflage als “Die Zeit”.

    Hochgebundene Haare fallen normalerweise übrigens nicht über die Schulter, weil sie eben hochgebunden sind. Es sei denn die Trägerin heißt “Rapunzel” … 😉

    Liebe Grüße
    Renate

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