Gute erotische Literatur ist rar. Aus einem simplen Grund: Eine erotische Situation zu beschreiben, ist literarische Kunst.
Vorab: Sex ist nicht Erotik! Wird aber sehr oft verwechselt. Wer schon erotische Manuskripte lektoriert hat, kennt das: Sobald die Figuren einander näherkommen, scheint beim Autor die Angst einzusetzen, der Leser könnte irgendetwas nicht richtig mitkriegen. Also wird erklärt, beschrieben, aufgezählt und anatomisch seziert, bis die Schwarte kracht und von Erotik ungefähr so viel übrig bleibt wie von einem Liebesbrief nach der Bearbeitung durch einen Fachmann für Bedienungsanleitungen.
Ein anschauliches Beispiel aus einem Roman, für den ich eine Lektoratsanfrage bekommen habe.
„Er schob seinen Schwanz bis zum Anschlag in sie rein.“
Wo, um Gottes Willen, ist hier die Erotik? Man muss diesen Satz nur einmal lesen, um zu erkennen, warum er literarisch so miserabel ist. Er besitzt die sprachliche Eleganz einer Unfallmeldung. Vor allem aber verwechselt er Sex mit Erotik. Genau hier liegt der Unterschied.
Erotik ist nicht Sex
Sex und Erotik sind zweierlei Stiefel. Sex findet statt. Erotik schwebt im Raum.
Eine sexuelle Beschreibung benennt einen körperlichen Vorgang: Wer tut was mit wem, wann und wie. Sie kann explizit, sachlich, vulgär, poetisch oder technisch formuliert sein. Aber allein die Tatsache, dass ein Text einen Geschlechtsakt in allen Einzelheiten beschreibt, macht ihn nicht erotisch. Im Gegenteil.
Erotik spielt sich nicht nur auf körperlicher Ebene ab. Sie entsteht im Gehirn. Sie ist eine Mischung aus unsicherem Begehren, geheimnisvoller Erwartung, ungeduldiger Spannung und wundervoller Nähe. Vielleicht aus einem Blick, der einen Augenblick zu lange dauert. Aus einer Berührung, deren Bedeutung größer ist als die Berührung selbst. Aus der Hoffnung, dass etwas geschehen könnte – und vielleicht gerade deshalb noch nicht geschieht.
Erotik ist die Situation zwischen zwei Ebenen. Sie beginnt oft lange vor dem Sex und besteht auch dort, wo gar kein Sex stattfindet. Das IST Erotik.
Deshalb kann ein Roman voller sexueller Handlungen vollkommen unerotisch sein. Umgekehrt kann eine Szene, in der überhaupt nichts Sexuelles geschieht, eine enorme erotische Spannung besitzen. Das ist der Punkt, den viele Autoren nicht begreifen.
Der Autor muss nicht alles sagen
Viele „Erotik“-Autoren meinen, sie müssten jede Handlung, jede Berührung und jeden körperlichen Vorgang ausführlich und drastisch schildern. Doch ausgerechnet die detailgetreue Beschreibung des Offensichtlichen beraubt einen Text blitzartig seiner erotischen Faszination. Und was im wirklichen Leben magisch sein kann, wird auf dem Papier nicht zu Literatur, sondern nur zur banalen Beschreibung eines Vorgangs.
Ein guter Autor erotischer Literatur muss deshalb eine Fähigkeit besitzen, die dem schlechten völlig abgeht:
Er muss sich zurückhalten können.
Weglassen ist eine der stärksten Waffen erotischer Literatur. Ein nicht formulierter Kuss kann aufregender sein als die Beschreibung feuchter Lippen. Ein kurzer Satz über eine Hand, die innehält, kann mehr Spannung erzeugen als eine Seite über körperliche Verrenkungen. Und manchmal ist ein Szenenwechsel an der richtigen Stelle literarisch wirkungsvoller als eine minutiöse Dokumentation eines Geschlechtsverkehrs – bis zum Samenerguss.
Jeder Leser hat Fantasie. Und Fantasie will leben. Erleben! Deshalb erschlägt ein guter Erotik-Autor seine Leser nicht mit Begriffen, sondern regt ihre Fantasie an. Mit subtilen Beschreibungen, mit feinen und sorgsam gewählten Worten. Bestenfalls mit Andeutungen und noch besser: mit Weglassen. Er muss nicht alles sagen. Er muss Situationen erzeugen – im Kopf des Lesers.
„Explizit“ ist kein literarisches Qualitätsmerkmal
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Wort „explizit“. Es hat sich zu einem beinahe verkappten Qualitätsbegriff entwickelt. „Explizite Erotik“ klingt, als sei damit automatisch eine besonders mutige, moderne oder intensive Form der Literatur gemeint. Dabei bedeutet „explizit“ zunächst: unmissverständlich dargestellt. Das allein ist noch keine literarische Qualität.
In bissiger Form könnte man sogar sagen: „Explizit“ ist mittlerweile das Etikett für etwas, das man früher Bumsliteratur genannt hätte. Pornografie also.
Das Problem ist nicht, dass Literatur nicht deutlich sein darf. Natürlich darf sie das. Auch eine explizite Szene kann hervorragend geschrieben sein. Entscheidend ist, was Sprache aus der Situation macht. Wenn nach dem ersten Absatz nur noch Körperteile und anatomische Verrichtungen übrig bleiben, fragen wir uns automatisch, ob wir noch Literatur lesen oder einen Tätigkeitsbericht über einen sexuellen Vorgang.
Gute Erotik-Literatur braucht gute Sprache – guter Sex braucht keine Literatur
Der vielleicht wichtigste Unterschied lässt sich ganz einfach formulieren:
Sex ist ein Vorgang.
Erotik ist eine Wahrnehmung.
Sex kann stattfinden, ohne dass dabei irgendjemand erotische Spannung empfindet. Erotik wiederum kann entstehen, ohne dass Sex stattfindet. Für den Schriftsteller bedeutet das: Er darf sich nicht damit zufriedengeben, den körperlichen Vorgang zwischen zwei Menschen zu beschreiben. Er muss zeigen, was der körperliche Vorgang für sie bedeutet. Davor und währenddessen. Nicht der Vorgang ist interessant, sondern die Erwartung. Nicht die Berührung allein, sondern die Reaktion darauf. Nicht das, was objektiv geschieht, sondern das, was subjektiv empfunden wird. Was gewünscht und erhofft wird. Was gefühlt wird.
Genau das ist für mich gute erotische Literatur: über Sex schreiben, ohne Sex zu beschreiben.
Und genau das ist sehr schwierig.
Und nicht jeder, der einen Geschlechtsakt beschreiben kann, ist ein Schriftsteller.
Häufige Fragen zu erotischer Literatur
Was ist der Unterschied zwischen Sex und Erotik?
Sex ist ein körperlicher Vorgang. Erotik ist das, was darüber hinausgeht: Erwartung, Begehren, Spannung, Nähe und Fantasie. Sex findet statt. Erotik schwebt im Raum.
Was macht gute erotische Literatur aus?
Gute erotische Literatur beschreibt nicht einfach sexuelle Handlungen. Sie erzeugt eine ganz bestimmte Atmosphäre und lässt den Leser die Spannung zwischen den Figuren miterleben bzw. selbst erleben. Sprache, Andeutungen, Reaktionen und bewusstes Weglassen sind dabei wichtiger als eine ausführliche Beschreibung des Sex.
Muss erotische Literatur „explizit“ sein?
Nein. Eine erotische Szene kann ausdrücklich und körperlich detailliert geschrieben sein, ohne dadurch automatisch erotisch zu wirken. „Explizit“ bedeutet zunächst nur, dass etwas drastisch dargestellt wird – nicht, dass es literarisch gut ist.
Wie schreibt man eine erotische Szene?
Indem man nicht nur beschreibt, was die Figuren körperlich tun, sondern vor allem, was zwischen ihnen geschieht: Was erwarten sie? Was wünschen sie sich? Was fühlen sie? Was bedeutet eine Berührung für sie?
Warum kann weniger in erotischer Literatur mehr sein?
Weil die Fantasie des Lesers ein wichtiger Teil erotischer Literatur ist. Wer jede Einzelheit beschreibt, nimmt dem Leser den Raum, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
Ist erotische Literatur dasselbe wie Pornografie?
Nein. Die Grenzen können allerdings fließend sein. Erotische Literatur kann sexuelle Handlungen durchaus explizit darstellen. Entscheidend ist nicht allein, was beschrieben wird, sondern wie und mit welcher literarischen Absicht.
Kann eine Szene erotisch sein, ohne dass Sex stattfindet?
Natürlich. Ein Blick, eine zufällige Berührung, eine Stimme, eine bestimmte Nähe oder die Erwartung eines Kusses können eine starke erotische Spannung erzeugen. Sex ist dafür nicht notwendig.
Was sollte ein Autor erotischer Literatur vermeiden?
Vor allem die Vorstellung, er müsse dem Leser alles erklären. Anatomische Detailgenauigkeit ersetzt keine Spannung und eine möglichst drastische Beschreibung keinen guten Stil.
Was ist beim Schreiben erotischer Literatur am schwierigsten?
Die Balance zwischen Beschreiben und Weglassen. Der Autor muss genug mitteilen, damit der Leser die Situation versteht – und gleichzeitig genug offenlassen, damit seine eigene Fantasie arbeiten darf.

