Autor:innen und Lektor:innen

Gedankenausflug zu Autor:innen, Lektor:innen und anderen sprachlichen Zumutungen

Manchmal stolpere ich beim Lesen eines Artikels über einen Satz oder Absatz und denke: Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein.

So ging es mir bei diesem hier:

»Durch die hohe Gewichtung von Social Media im Marketing neigen einige Autor:innen dazu, vermehrt Sätze zu konstruieren, die schöne Bookquotes ergeben, aber zur Handlung relativ wenig beitragen. Aufgabe von uns Lektor:innen ist es, an diesen Stellen zu glätten. Da muss dann auch mal die eine oder andere instagramtaugliche Metapher gestrichten werden.«

Je öfter ich diesen Absatz lese, desto schlimmer finde ich ihn. Nicht nur wegen der Autor:innen und Lektor:innen.

Auch wegen »der hohen Gewichtung von Social Media im Marketing«. Was für eine Formulierung! Warum sagt die Autorin (eine Lektorin) nicht einfach, was sie meint? Doch dazu später. Zunächst zu den Doppelpunkten, denn was haben die mitten in einem Wort zu suchen?

Autor:innen. Lektor:innen.

Ich verstehe die feministische Forderung nach gendergerechter Sprache. Dabei sollten aber auch die Menschen berücksichtigt werden, die den Text lesen (sollen).

Sprache hat einen einfachen Zweck: Sie transportiert Gedanken von einem Kopf in einen anderen. Möglichst ohne Umwege. Bei der Gendersprache habe ich (und viele andere) allerdings den Eindruck, dass der Transportweg wichtiger geworden ist als die Nachricht.

Früher schrieb man:

„Die Autoren und Lektoren besprechen den Text.“

Heute wird daraus:

„Die Autor:innen und Lektor:innen besprechen den Text.“

Das ist gendergerecht.

Und länger.

Und komplizierter.

Und vor allem hat man plötzlich ein Zeichen mitten im Wort, dessen Hauptaufgabe darin besteht, uns daran zu erinnern, dass wir gerade politisch korrekt lesen. Dabei verfügte die deutsche Sprache schon vorher über erstaunlich viele Möglichkeiten.

Man sprach zum Beispiel von Menschen.

Von Lesern.

Von Autoren.

Oder – wenn das Geschlecht tatsächlich eine Rolle spielte – von Autorinnen und Autoren.

Aber nein. Offenbar reicht das nicht mehr. Jetzt muss jede Person, die irgendwie in einem Text vorkommt, sprachlich einwandfrei definiert werden.

Autor:innen schreiben.

Lektor:innen lektorieren.

Redakteur:innen redigieren.

Leser:innen lesen.

Und irgendwo sitzt wahrscheinlich eine Person (männlichen oder weiblichen Geschlechts) und kontrolliert, ob in der Kontrollgruppe wirklich alle zu Kontrollierenden korrekt kontrolliert wurden.

Das Absurde daran: Je stärker die Sprache auf Gleichbehandlung getrimmt wird, desto stärker entfernt sie sich von ihrer eigentlichen Aufgabe – verstanden zu werden. Und zwar leicht, schnell und direkt.

Beim Lesen möchte ich nicht ständig überlegen müssen, ob hier gerade eine feministische Forderung an Sprache erfüllt wird. Ich möchte einfach lesen – und verstehen. Ohne über genderisierte Satzzeichen zu stolpern! Satzzeichen, die an dieser Stelle streng genommen Rechtschreibfehler sind. Denn:

„Der Gender-Doppelpunkt ist nicht Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung.“

Quelle

Sprache verändert sich. Das hat sie immer getan. Aber nicht jede Veränderung ist zwangsläufig eine Verbesserung. Und nicht jede sprachliche Neuerung wird dadurch sinnvoll, dass man sie mit einem guten Anliegen begründet.

Manchmal ist ein Doppelpunkt eben einfach ein Doppelpunkt. Und meist ist ein Wort ohne ihn in der Mitte angenehmer zu lesen.


Und dann wäre da noch die „Bookquote“

Nur am Rande: In dem monierten Satz stolperte ich auch über das hübsche Wort „Bookquote“.

Für diejenigen, die nicht hauptberuflich im Buchmarketing unterwegs sind: Gemeint ist damit ein Zitat aus einem Buch, also ein Satz, der sich besonders gut herauslösen und beispielsweise auf Instagram präsentieren lässt.

Auch das ist irgendwie bezeichnend. Da beklagt die Lektorin einerseits, dass Autoren Sätze produzieren, die vor allem als hübsche Instagram-Zitate funktionieren, und andererseits verwendet sie selbst den Begriff „Bookquote“. Warum sagt sie nicht »Buchzitat«?

Das nur als Randbemerkung.

Viel schlimmer finde ich die Formulierung, mit der der ganze Satz anfängt:

„Durch die hohe Gewichtung von Social Media im Marketing …“

Hohe Gewichtung! Wer redet denn so? Kein normaler Mensch. Lektorinnen offensichtlich schon …

Warum nicht einfach:

„Viele Autoren benutzen heutzutage Formulierungen, die sich zwar wunderbar auf Instagram und Co. zitieren lassen, der Geschichte aber wenig bis nichts bringen.“

Da weiß der Leser sofort, was gemeint ist:

  • Keine „hohe Gewichtung“.
  • Kein „vermehrt Sätze konstruieren“.
  • Kein „an diesen Stellen glätten“.
  • Kein „Bookquote“.

Und trotzdem ist die Aussage dieselbe. Aber besser. Denn der Leser muss sich nicht erst durch einen sprachlichen Nebel kämpfen, um herauszufinden, was der Autor – in diesem Fall die Autorin – eigentlich sagen möchte.

Und genau das ist für mich der Punkt:

Wenn man einen Satz einfach formulieren kann, warum sollte man ihn kompliziert formulieren?

Warum muss aus einem Autor ein:e Autor:in werden, aus einem Lektor ein:e Lektor:in und aus einem einfachen Buchzitat eine Bookquote?

Und warum muss ich als Leserin das Gefühl bekommen, dass ich erst die gendergerechte Sprachprüfung bestehen muss, bevor ich erfahren darf, was der Verfasser mir sagen möchte?

Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe eines Lektors ja tatsächlich das Glätten, also das Glattbügeln eines Textes. Aber beim Bügeln sollte man stets darauf achten, dass das heiße Eisen keine Falten im Stoff erzeugt. Das Gleiche gilt auch für Texte. Also, Lektoren:

  • Glättet die Sprache.
  • Macht sie verständlich.
  • Macht sie lesbar.

Aber schreibt auch selbst so, dass ein ganz normaler Mensch den Text beim ersten Lesen versteht und ihn sogar gern liest.

Das wäre doch schon mal was.

Und wenn dabei die eine oder andere Instagram-taugliche Metapher verloren geht?

Das allerdings wäre ein herber Verlust …


PS: Ach ja: Eine Metapher soll übrigens auch „gestrichten“ werden. Das ist natürlich ein Tippfehler. Aber in einem Text über die Arbeit von Lektor:innen passt er wie die Faust aufs Auge.
Apropos Metapher: Im ersten Satz war noch von Sätzen die Rede – jetzt plötzlich von Metaphern. Ein Satz ist aber keine Metapher. Er kann eine enthalten, muss aber nicht. Falls ein hübsch formulierter, aber überflüssiger Satz gemeint ist, sollte man ihn vielleicht auch einfach so nennen: Satz.

Und mal ehrlich: Der gesamte zitierte Textauszug – verfasst von einer Lektorin – wäre einen eigenen Artikel wert. Einen über Lektor:innen 😜 und ihre eigenen Texte …

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