„Wer nichts kann, kann KI!“
Was ein respektloser Kommentar über KI-Buchcover mit professioneller Gestaltung zu tun hat. Und wo der Irrtum liegt.
In Facebook-Autorengruppen werden immer wieder KI-generierte Titelbilder diskutiert. Das ist grundsätzlich völlig in Ordnung. Nicht jedes KI-Bild ist gelungen, und längst nicht jedes Cover, das mit KI-Unterstützung entstanden ist, sieht professionell aus. Was mich allerdings stört, ist der Ton, in dem darüber manchmal gesprochen wird.
Unter einem KI-Cover stand kürzlich der Kommentar (wörtlich zitiert):
„Wer nichts kann kann KI“
Nun könnte man schon an dieser Stelle über das fehlende Komma diskutieren. Vergessen von einer Frau, die ausdrücklich darauf hinweist, dass sie wisse, wovon sie rede, sie sei schließlich Vorschullehrerin … Darüber diskutiere ich aber nicht.
Denn viel interessanter finde ich die Aussage selbst. Was bedeutet „kann“ in diesem Zusammenhang eigentlich? Kann ein Mensch nicht gestalten, nur weil er KI benutzt? Kann eine Designerin plötzlich nichts mehr, sobald sie sich von einer KI bei der Bildentwicklung unterstützen lässt? Ich behaupte das Gegenteil:
Wer sein Handwerk beherrscht, kann KI gezielt als Werkzeug einsetzen.
Und genau darum geht es.
Autorin zu sein bedeutet nicht automatisch, etwas von professioneller Covergestaltung zu verstehen.
Genauso wenig bedeutet die Verwendung von KI aber, dass jemand nichts kann. Im Gegenteil.
Ich kann etwas. Deshalb benutze ich KI.
Ich bin Designerin. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Photoshop, Illustrator und InDesign und kenne mich mit Gestaltung, Bildaufbau und Typografie aus. Und ich liebe KI. Nicht, weil ich nichts kann. Sondern gerade weil ich weiß, was ich kann – und was ein gutes Werkzeug mir ermöglicht.
Ich lasse KI nicht einfach ein fertiges Buchcover ausspucken. Ich nutze und benutze sie so, wie andere Werkzeuge auch: gezielt, kritisch und mit meinem gestalterischen Wissen. KI kann mir ein Motiv liefern. Sie kann Ideen entwickeln, Varianten erzeugen und mich auf Motive bringen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Aber danach beginnt meine eigentliche Arbeit.
KI stiehlt? Dann müssten meine Bücher auch verboten werden
Und dann ist da noch dieses Argument: KI stiehlt. Ich finde diese Diskussion schwierig, weil dabei oft so getan wird, als wäre es etwas völlig Neues, sich von vorhandenen Bildern, Gestaltungsideen oder Werken inspirieren zu lassen.
Ich habe ein ganzes Regal voller Bücher über Grafikdesign, Werbung, Gestaltung, Typografie und Bildideen. Warum gibt es diese Bücher überhaupt? Und warum stehen sie wohl bei mir im Regal?

Sie haben mich eine Menge Geld gekostet. Und wenn ich auf der Suche nach einer Idee bin, ziehe ich eines davon aus dem Regal, schlage es auf, blättere darin herum und lasse mich inspirieren.
Ich klaue keine Ideen!
Während meiner vielen Jahre als Werbegrafikerin habe ich mich oft gefragt: „Verflixt, wo hast du denn jetzt diese Idee ausgegraben?“
Die Antwort lautet meistens: keine Ahnung!
Genau das ist der Unterschied! Kreative Arbeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Wir sehen Bilder, lesen Bücher, besuchen Ausstellungen, schauen Werbung, entdecken Schriften, sammeln Eindrücke und nehmen all das mit in unseren eigenen kreativen Prozess. Manchmal inspiriert mich sogar auf der Autobahn eine Werbung auf einem Lastwagen!
Auch KI ist für mich ein solcher Impulsgeber. Ich kann mir von ihr Bildideen oder Varianten zeigen lassen, die mich auf einen Gedanken bringen, den ich anschließend selbst weiterentwickle. Das ist für mich kein Ersatz von Kreativität. Es ist ein Teil meines kreativen Prozesses.
Ein generiertes Bild ist kein fertiges Cover
Das scheint mir in der Diskussion über KI-Cover der entscheidende Punkt zu sein.
Ein KI-Generator erzeugt ein Bild. Ein Buchcover zu gestalten bedeutet aber wesentlich mehr. Ein Cover muss zum Genre passen, eine bestimmte Stimmung vermitteln, Aufmerksamkeit erzeugen und auch in einer kleinen Darstellung funktionieren.
Und dann ist da die Typografie.
Die erstelle ich selbst. Immer und zwar nicht mit KI, sondern mit InDesign oder Photoshop, oder mit beidem gemeinsam. Denn Schrift ist für mich kein nachträglich auf das Bild gesetzter Titel. Sie ist elementarer Bestandteil des Covers.
Schriftart, Größe, Abstände, Position, Kontrast und Hierarchie müssen mit dem Bild funktionieren. Deshalb lasse ich die KI nie mein Cover gestalten. Ich nutze KI, um Material zu bekommen, mit dem ich gestalten kann.
Ein guter Prompt ersetzt keinen Designer
Natürlich kann ein guter Prompt sehr viel bewirken. Er kann eine Bildidee präzisieren und Einfluss auf Perspektive, Licht, Atmosphäre, Farbwelt oder Umgebung nehmen. Aber ein Prompt ersetzt kein Gestaltungskonzept. Wenn ich nicht weiß, was ich eigentlich gestalten möchte, hilft mir auch der beste Prompt nur begrenzt.
Das ist letztlich nichts anderes als bei anderen Werkzeugen. Eine fantastische Kamera macht noch keinen guten Fotografen. Photoshop macht noch keinen Designer. Und eine KI macht ebenfalls noch keinen Designer.
Warum manche KI-Cover so schlecht aussehen
Wenn ich ein schlechtes KI-Cover sehe, frage ich mich deshalb nicht zuerst:
„Was stimmt mit der KI nicht?“
Sondern:
„Was wollte die Person eigentlich erreichen?“
Denn häufig läuft es so: Es werden zehn oder zwanzig Bilder generiert, eines davon wird ausgesucht, der Titel darüber gesetzt (meist auch mit KI) – fertig.
Aber zwischen Bild erzeugen und Titelbild gestalten liegen Welten.
Man kann mit KI schlechte Bilder produzieren. Man kann mit Photoshop schlechte Bilder produzieren. Man kann mit InDesign schlechte Bücher setzen. Und man kann mit einer professionellen Kamera schlechte Fotos machen.
Ein Werkzeug macht noch keinen guten Gestalter.
Das gilt für KI genauso wie für jedes andere Werkzeug.
Ich brauche keine KI, die für mich gestaltet
Ich brauche keine Maschine, die mir sagt: „Hier ist dein fertiges Cover.“
Ich suche Möglichkeiten, Ideen und Varianten.
Und dann entscheide ich selbst. Ich öffne Photoshop und mache aus dem Material, was ich will. Ich arbeite am Motiv. Ich ändere, korrigiere und meist nehme ich nur Teile, den „Rest“ setze ich zusammen wie immer: Ich kombiniere. Denn viele meiner Titelbilder, die ich für Autoren kreiere, stammen von Bildagenturen. Ich wähle die Schrift aus und setze sie selbst. Und dabei mache ich das, was ich vor vielen Jahren gelernt habe und seit genauso vielen Jahren täglich mache: Ich setze Typografie bewusst um.

Das Titelbild meines Ratgebers „Buch selbst veröffentlichen habe ich mit Unterstützung von KI erstellt. Aber: Nicht KI hat das Bild gemacht, sondern ich. Ich habe mit KI diskutiert, ja: diskutiert. Ich habe Vorschläge selbst gemacht und mit KI „besprochen“. Ich habe über die Farben diskutiert, über einzelne Elemente des Titels, über Textinhalte. KI war mein also virtueller Diskussionspartner. Alles in allem:
KI erweitert meinen Werkzeugkasten. Sie ersetzt nicht mein Know-how.
Deshalb ist der Satz „Wer nichts kann, kann KI“ die falsche Schlussfolgerung. Und als Kommentar zu einem mit KI erzeugten Titelbild finde ich ihn respektlos und beleidigend. Denn so oder so ist Design auch Geschmackssache.
Kurzfassung des Artikels:
Der Mensch denkt.
Die Maschine lenkt.
Der Mensch entscheidet.

