Bandwurmsätze

Thomas Mann liebte Bandwurmsätze, und aus diesem Grund habe ich seine Bücher nicht gern gelesen. Er reihte einen Satz an den anderen – ohne Punkt! Manche (viele) seiner Sätze zogen sich über eine ganze Seite hin. Auf mich wirkt so eine Schreibweise maniriert, außerdem stört sie den Lesefluss.

Birgit Vanderbeke

Aber auch andere Schriftsteller lieben Bandwurmkonstrukte, so auch Birgit Vanderbeke. Vor ein paar Tagen bin ich per Zufall in meinem Bücherregal auf ein Buch von ihr gestoßen, und als ich es aufgeschlagen habe, erinnerte ich mich sofort daran, warum ich nur die ersten paar Seiten gelesen habe, denn Frau Vanderbeke liebt Bandwurmsätze ebenfalls. Einen einzigen, der sich über mehr als eine Seite hinzieht, zitiere ich hier zur Veranschaulichung:

Wenn mein Vater dann heimgekommen ist, hat er von diesen Tagungshotels sowieso die Nase voll gehabt, sie sind komfortabel, aber doch ungemütlich, hat er gesagt, mein Vater ist überhaupt nicht gern auf Dienstreise gefahren, er ist am liebsten bei seiner Familie geblieben, und es ist immer etwas Besonderes gewesen, wenn er hernach wieder heimgekommen ist, traditionell hat es bei uns dann Pellkartoffeln und Quark und Leinöl gegegeben, manchmal auch Erbsensuppe, und mein Vater ist wegen seiner Jugend, in der es das auch gegeben hat statt der kurzgebratenen und gegrillten Fleischklumpen, wehmütig gewesen und hat es sich oft bestellt, aber Muscheln hat er sich eigentlich nie bestellt, weil sie Muscheln immer gemeinsam gemacht haben, mein Vater und meine Mutter, und es ist also von vornherein an diesem Tag eine besondere Ausnahme gewesen, dass meine Mutter allein, beide Hände knallrot unter dem fließenden kalten Wasser die Muscheln geputzt hat, völlig normal dagegen ist es gewesen, dass sie dabei gesagt hat, ich mache mir nicht viel daraus, was sie immer gesagt hat, wenn meine Eltern zum Muschelputzen im Bad verschwunden sind, sie haben sich abgewechselt mit dem Über-die Wanne-Beugen, damit sie nicht steif davon würden, und aus dem Badezimmer ist eine gute Stunde lang das Quietschen von meiner Mutter herausgeschallt, ganz früher haben sie manchmal “Brüder zur Sonne zur Freiheit” gesungen, was sie drüben gelernt hatten und immer haben singen müssen, “Völker hört die Signale”, und all das, was meine Mutter mit ihrem Sopran und mein Vater mit seinem Bariton, aber später dann, in der Firmensiedlung, haben sie nicht mehr gesungen.
Auszug aus dem Buch “Das Muschelessen” von Birgit Vanderbeke, erschienen im Rotbuch Verlag

Ich finde, ein paar Punkte hätten dem Text nicht geschadet, weil er sich leichter liest als diese Ansammlung aneinander gereihter Hauptsätze.


Also folgendermaßen:
Wenn mein Vater dann heimgekommen ist, hat er von diesen Tagungshotels sowieso die Nase voll gehabt. Sie sind komfortabel, aber doch ungemütlich, hat er gesagt. Mein Vater ist überhaupt nicht gern auf Dienstreise gefahren, er ist am liebsten bei seiner Familie geblieben, und es ist immer etwas Besonderes gewesen, wenn er hernach wieder heimgekommen ist. Traditionell hat es bei uns dann Pellkartoffeln und Quark und Leinöl gegegeben, manchmal auch Erbsensuppe, und mein Vater ist wegen seiner Jugend, in der es das auch gegeben hat statt der kurzgebratenen und gegrillten Fleischklumpen, wehmütig gewesen und hat es sich oft bestellt. Aber Muscheln hat er sich eigentlich nie bestellt, weil sie Muscheln immer gemeinsam gemacht haben, mein Vater und meine Mutter. Und es ist also von vornherein an diesem Tag eine besondere Ausnahme gewesen, dass meine Mutter allein, beide Hände knallrot unter dem fließenden kalten Wasser die Muscheln geputzt hat. Völlig normal dagegen ist es gewesen, dass sie dabei gesagt hat, ich mache mir nicht viel daraus, was sie immer gesagt hat, wenn meine Eltern zum Muschelputzen im Bad verschwunden sind. Sie haben sich abgewechselt mit dem Über-die Wanne-Beugen, damit sie nicht steif davon würden, und aus dem Badezimmer ist eine gute Stunde lang das Quietschen von meiner Mutter herausgeschallt. Ganz früher haben sie manchmal “Brüder zur Sonne zur Freiheit” gesungen, was sie drüben gelernt hatten und immer haben singen müssen. “Völker hört die Signale”, und all das, was meine Mutter mit ihrem Sopran und mein Vater mit seinem Bariton, aber später dann, in der Firmensiedlung, haben sie nicht mehr gesungen.

Dieser Text liest sich eindeutig besser als der Originaltext.

7 Kommentare

  1. Ich mag auch keine Bandwurmsätze. Im Fall des “Muschelessens” wurde die Wahl der Aneinanderreihung angeblich gewählt, um den Gedankenfluss anschaulich zu machen. Ohne diese Veranschaulichung hätte ich das Buch mit mehr Genuss gelesen. Denn ich habe mich im Gegensatz zu Ihnen, liebe Frau Blaes, bis zum Schluss durchgequält. Aber mich interessierte der Inhalt – diese Familiengeschichte mit dem autoritären Vater.

  2. Ich bin nicht generell gegen solche Bandwurmsätze als Stilmittel, ich finde sie nur – wie auch du schon gesagt hast – etwas manieriert. Es wirkt auf mich verkrampft, wenn auf diese Art sehr plakativ ein Bewusstseinsstrom dargestellt werden soll.

  3. Ich muss sagen, dass ich bezüglich Literatur und Lesen immer anspruchsvoller werde. Man könnte es auch als “kritischer” oder “weniger tolerant” bezeichnen.
    Ein Buch wie die “Muschelesser” vertraue ich dem Büchertausch-Kasten in der Schondorfer Bahnhofshalle an. Vielleicht gibt es ja Menschen, die Gefallen daran haben. Die Geschmäcker gehen diesbezüglich ja sehr auseinander – wie man auch den Rezensionen bei Amazon entnehmen kann.

  4. Ich bin ja der Meinung, auch wenn diese recht unbedeutend sein mag, dass das ein klares Stilmittel ist, das es aber ganz eindeutig nicht braucht, weil man gedanklich ziemlich abschweift, was ja eigentlich gar nicht im Sinne der Autorin sein kann, da sie sich bestimmt bei der Anwendung dieses Stilmittels etwas anderes erhofft hat, als dass die Leser bei den, sicherlich gut überlegten, aber unglaublich langen Sätzen, die wegen ihrer Bandwurmartigkeit nur allzu schwer verständlich sind, aussteigen und sich eher dem Rauschen ihres Blutes oder dem Heulen des Windes ums eigene Haus, das womöglich schon lange eine Generalüberholung inklusive Dach und Heizung nötig hätte, widmen und sich am Ende schweren Herzens doch durchs gesamte Werk quälen oder das Buch, ohne es vollständig gelesen zu haben, gar gleich einem Büchertausch-Kasten, deren Existenz etwas sehr Gutes ist, da sich dort Menschen aller Couleur etwas zum Lesen ausleihen können, zu jeder Tages- und Nachtzeit, anvertrauen, um nicht noch intensiver mit extrem langen Sätzen belästigt zu werden, denn Belästigung ist in vielerlei Hinsicht und zu keiner Zeit erstrebenswert.

    Ist aber nur meine Meinung.

  5. Lieber Herr Flunk, Sie können es fast so gut wie Herr Mann … 😉
    Köstlicher Satz – übrigens!

  6. Da ich durch einen Schlaganfall etwas Mühe habe, mich auf Geschriebenes zu konzentrieren, vergeht mir schnell die Lust an solchen Sätzen, und hab dabei jetzt hier gerade selber einen, wenn auch nur kleinen, Bandwurm gestaltet. 😉

Schreibe einen Kommentar