»Schrift spricht« – meine Erinnerung an den Typografieprofessor Günter Gerhard Lange
Wenn ich an meine Zeit als Grafikdesign-Studentin zurückdenke, taucht sofort sein Gesicht vor meinem inneren Auge auf: Günter Gerhard Lange.
Günter Gerhard Lange war einer der bedeutendsten Schriftschneider und Typografen des 20. Jahrhunderts und besonders bekannt für seine Arbeit bei der Berthold Schriftgießerei in Berlin. Er hat selbst zahlreiche Schriften entworfen oder weiterentwickelt. Wer ihn erlebt hat, vergisst nie seine Art, Typografie zu lehren – eine Mischung aus Strenge, Humor und Leidenschaft.
Für mich war Lange nicht nur ein Lehrer; er war ein Mentor, ein Ideengeber und manchmal auch gnadenloser Kritiker. Er erwartete von seinen Studenten, dass sie Buchstaben nicht nur lesen, sondern hören, fühlen und verstehen. Und bei seinen Vorlesungen betonte er immer wieder: »Schrift spricht.«

Präsenz
Ich erinnere mich gern an meine erste Vorlesung. Lange betrat hinkend den Raum – mit seiner ganz persönlichen Präsenz, die ihn trotz Beinprothese – vielleicht auch deshalb – so einzigartig machte. Lange begann zu sprechen, und jeder Student spürte, dass Schrift für ihn mehr war als das Übermitteln von Worten. Schrift war für Günter Gerhard Lange eine Leidenschaft. DIE Leidenschaft seines Lebens … vermute ich. Und ich kann das heute sogar besser verstehen als damals. Denn wenn ich mir Bücher von Selfpublishern anschaue, stellen sich bei mir alle Haare zu Berge. Mit Schriften überladene Titelbilder, miserabler Buchsatz, falsche Schriftwahl … die Fehlermenge, die man beim Buchsatz machen kann, ist unerschöpflich.
Selbstzitate und seine Lehre
Lange liebte es, sich selbst zu zitieren, und oft wiederholte er Sätze aus seinen eigenen Vorlesungen, als wollte er uns daran erinnern, dass diese Gedanken nicht nur Theorie waren, sondern die Essenz seines Lebenswerks. Ich erinnere mich, wie er einmal sagte: »Schrift hat viel zu sagen. Schrift spricht, und wenn sie es nicht tut, dann haben wir versagt.«
Typografie greifbar erklärt
Günter Gerhard Lange hatte ein unglaubliches Gespür für Details. Ein winziger Abstand zwischen zwei Buchstaben konnte für ihn über Harmonie oder Disharmonie entscheiden. Ein Schwung am Ende eines Buchstabens konnte ihm ein Lächeln entlocken oder ihn kritisch die Stirn runzeln lassen. Als Studentin lernte ich von ihm, dass Typografie kein oberflächliches Geplänkel ist, sondern eine Kunstform, die Geduld, Genauigkeit und Liebe zum Detail verlangt.
Er verstand es, komplexe typografische Regeln greifbar zu machen, indem er sie mit alltäglichen Beispielen verglich. So wie der Kaffee am Morgen das Frühstück belebe, belebe die richtige Schriftwahl einen Text. Ein Buchstabe, der zu eng oder zu weit gesetzt ist, kann das »Geschmackserlebnis« der Botschaft verändern – erklärte er oft mit einem Schmunzeln. Vergleiche und Metaphern dieser Art machten seine Lehre lebendig und halfen uns Studenten, das Prinzip der Typografie im täglichen Einsatz zu begreifen – und umzusetzen.

Mentor ohne Honorar
Auch nach meinem Studium genoss ich sein Know-how: Als frischgebackene Freiberuflerin durfte ich mich mit typografischen Fragen an ihn wenden. Und er half mir immer! Ohne Honorar, einfach weil es ihm Freude bereitete, dass eine ehemalige Studentin auch nach dem Studium seinen Rat suchte und seine Leidenschaft für Typografie teilte. Erfreulicherweise lebte er nur wenige Kilometer von mir weg … das Internet steckte damals noch in den Kinderschuhen.
Schrift spricht
All das ist viele Jahre her, doch ich spüre Langes Präsenz noch immer, wenn ich Schriften auswähle. Manchmal höre ich in meinem Kopf seine Stimme, die sagt: »Schrift spricht.« Und ich weiß, dass diese zwei Wörter keine Floskel sind.
Buchsatz als tägliche Praxis
Heute arbeite ich u. a. auch als professionelle Buchsetzerin. Bei jedem Projekt, bei jedem Buchinhalt, den ich setze, erinnere ich mich an Langes Worte: »Schrift spricht.« Sie sind mehr als ein Leitmotiv – sie sind mein täglicher Begleiter, meine innere Stimme, die mich daran erinnert, dass Buchstaben mehr sind als Zeichen auf Papier.

