Um im Leben besser zurechtzukommen, stecken wir Menschen andere Menschen gern in Schubladen und versehen diese dann mit Etiketten. Ein weit verbreitetes Etikett lautet “schwierig”.

Zu diesem Thema hat sich gestern in einem Fernsehinterview auch die Schauspielerin Kathrin Sass geäußert. Sie sagte, dass andere Menschen sie oft als “schwierig” bezeichnen. Schwierig, weil sie sagt, was sie denkt.

Genauso geht es auch mir, denn wie bei Frau Sass sagen viele Zeitgenossen über mich: “Renate ist schwierig”.

Ich habe in meinem Freundeskreis diesbezüglich vor einiger Zeit eine kleine Umfrage gestartet mit der Frage “bezeichnest du mich als schwierig?”

Bei der Antwort wurde dann rumgedruckst und letztendlich lautete sie “ja”.

Aha!

Dann wollte ich wissen, was an mir denn so schwierig sei. Da wurde dann wieder rumgedruckst, und ich half bei der Antwort mit einer weiteren Frage, die da lautete: “Findest du mich schwierig, weil ich sage, was ich denke und fühle?”

Die Antwort lautete wieder “ja”.

Aha!

Dann sagte ich: “Meiner Meinung nach bin ich nicht schwierig, sondern du hast Schwierigkeiten, mit meiner ehrlichen Meinung/Ansicht umzugehen.”

Da wurde dann schon wieder rumgedruckst, letztendlich aber kamen wir gemeinsam zu dem Fazit, dass das Etikett “schwierig” nicht korrekt ist, sondern anders lauten müsste, nämlich “unbequem”.

Dieses Etikett lasse ich mir gern aufpappen … weil es stimmt! In der Tat bin ich unbequem. Das war ich als Schülerin, als Teenager, als junge Frau, als erwachsene Frau, und ich bin es immer noch, und so wie es aussieht, werde ich es auch bleiben.

Warum so viele Menschen damit Schwierigkeiten haben umzugehen, liegt auf der Hand: Menschen möchten zwar nicht belogen werden, aber die Wahrheit will auch keiner hören. Das ist das Problem!

Menschen möchten gern Komplimente hören, wollen gelobt und wertgeschätzt werden. Das ist nur allzu natürlich und verständlich. Aber was haben wir von falschen Komplimenten und vorgetäuschter Wertschätzung? Wenig bis nichts. Wir fühlen uns gebauchpinselt. Das ist zwar ein angenehmes Gefühl, aber Pauchpinselei bringt uns nicht weiter. Egal, in welchen Lebensbereichen.

Mir persönlich ist es schon immer lieber, ein mein Gegenüber sagt mir offen und ohne Umschweife, was es denkt und fühlt. Damit kann ich prima umgehen, und meist entstehen auf diese Weise auch wunderbare Gespräche, ein fruchtbarer Gedankenaustausch, der beide Gesprächspartner emotional einander näher bringt. Und genau das wollen und suchen wir doch eigentlich.

Menschliche Nähe schafft Vertrauen und Wohlbehagen. Schade, dass wir oft alles tun, um genau das zu vermeiden.

Vermeintlich schwierigen Menschen sollte wir deshalb besser nicht aus dem Weg gehen, sondern mir ihnen reden, mit mutigem Geist und liebevollem Herz. Dabei können wir sehr viel lernen, oft auch über uns selbst …

Schwierig?

2 Kommentare zu „Schwierig?

  • 10. März 2021 um 00:02
    Permalink

    Hallo Renate,
    vielen Dank für deinen klugen Artikel.
    Ja, es ist sogar wichtig, dass man auch unbequem ist. Weil dieses Unbequemsein eben auch Ehrlichsein heißt. Ich denke, dass dies auch ein Zeichen von Stärke ist. Schwache Menschen trauen sich meistens nicht, unbequem zu sein. Wichtig ist, sein Gegenüber in puncto “Unbequem-Verträglichkeit” richtig einzuschätzen und dementsprechend zu dosieren. Auch deren eigene Art, unbequem zu sein, entscheidet für mich mit, inwieweit ich direkter oder sanfter vorgehe. Ich kenne viele wirklich empfindsame Menschen, (damit meine ich nicht diejenigen, die immer behaupten, wie sensibel sie sind), denen ich natürlich auch meine Meinung sage, bei denen ich es aber vorsichtig, (vorsichtig im Sinne von “nichts zerstören”) tue. Eines meiner Lieblingszitate lautet: “Man muss die Wahrheit einem Menschen hinhalten wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann und nicht wie ein nasses Handtuch um die Ohren schlagen.” Meine Ergänzung dazu ist: “Bei manchen hilft aber nur das nasse Handtuch!” Und bei Menschen, die selber keine Empathie für andere haben, darf´s auch ein Prügel sein.
    Schöne Grüße
    Manfred

  • 10. März 2021 um 08:42
    Permalink

    Der Vergleich mit dem Mantel gefällt mir, lieber Manfred! Ich weiß, dass ich früher eher zu der Variante mit dem nassen Handtuch gegriffen habe … und mich entsprechend oft entschuldigen musste. Was mir Gott sei Dank nicht schwerfällt.
    Liebe Grüße
    Renate

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