Schusterjunge und Hurenkind

Ist die erste Zeile eines Absatzes zugleich die letzte Zeile einer Seite, so nennt man das “Schusterjunge” (sh. linke Seite unten).

Steht die letzte Zeile eines Absatzes als erste Zeile auf einer Seite, so nennt man das “Hurenkind” (sh. rechte Seite oben).

hurenkind


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In der Typografie gelten Schusterjungen und Hurenkinder als gravierende Fehler, die unbedingt vermieden werden müssen. Sie ergeben ein unschönes Schriftbild und stören den Lesefluss. Man eliminiert sie durch Ändern der Laufweite, des Zeilendurchschusses oder des Umbruchs.

Hilft das nichts, muss der Text entweder gekürzt oder erweitert werden. Synonyme Begriffe mit mehr oder weniger Buchstaben können auch helfen.

In meinem Satzprogramm “Indesign” gibt es zwar eine “Absatzkontrolle”, die solche unschönen Umbrüche vermeidet, das führt aber zu einer fehlenden Zeile am Ende oder Anfang einer Seite. Denn bei Büchern wird auf Registerhaltigkeit geachtet, das heißt, alle Zeilen sind auf derselben Höhe. Wenn aber dem Programm gesagt wird, es solle alle einsamen Zeilen am Ende oder Anfang einer Seite vermeiden und immer zwei Zeilen zusammenhalten, fehlt zwangsläufig die letzte Zeile, damit eben am Anfang der nächsten Seite keine einsame Zeile steht.

Bei Schusterjungen und Hurenkindern bleibt also nichts anderes übrig, als die erforderlichen nerungen Änderungen manuell vorzunehmen. Das bedeutet also, jede Seite eines Buches (!) muss vom Setzer/Designer/Autor auf solche fehlerhaften Umbrüche untersucht werden.

Während meines Studiums polterte unser Typografie-Dozent Günter Gerhard Lange, der Typopapst Deutschlands, ein Buch mit Schusterjungen und Hurenkinder sei ein Unding, ein typografisches Verbrechen!

An dieses ungeschriebene Gesetz haben sich Verlage bis vor einiger Zeit gehalten. Doch mittlerweile entdecke ich zumindest die Schusterjungen (also die erste Zeile eines Absatzes am Ende einer Seite) in nahezu allen Büchern – auch in denen renommierter Verlage.

Auch ich nehme mir mittlerweile die Freiheit, nur noch die Hurenkinder auszumerzen, denn die Schusterjungen stören mein Auge nicht wirklich. Und vielleicht gehören die beiden “Typen” grundsätzlich auch ins vergangene Jahrhundert … wäre eine gute Möglichkeit, unter Typo-Experten mal eine Diskussion in Gang zu bringen zu diesem Thema.

3 Kommentare

  1. Danke für die Erklärung, Renate! Jetzt weiß ich, wo ich immer nachschauen, wenn ich den Unterschied wieder mal vergessen habe. Ich kann mir das einfach nicht merken …

    Liebe Grüße von Doris

  2. Liebe Doris,
    da gibt es eine ganz einfache Eselsbrücke:
    Die Hure ist oben (Domina), der Schusterjunge unten (armes unterdrücktes Kerlchen) 😉

    Liebe Grüße
    Renate

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