VG-Wort für Doofe

muenzen

Was die GEMA für Musiker ist, ist die „Verwertungsgesellschaft Wort“ für Autoren. Um von dort Tantiemen zu erhalten, muss man einen sogenannten Wahrnehmungsvertrag abschließen. Der ist schnell ausgefüllt, und man bekommt ihn auch schnell zurück, aber dann steht man vor einer SEHR großen Herausforderung, denn Text-Meldungen abzugeben gleicht dem Gang durch einen Irrgarten …

In diesem Zusammenhang ist es mir ein besonderes Vergnügen, die Website von VLB zu erwähnen – dort seine Bücher einzutragen und zu verwalten, ist das ultimative Vergnügen! Ich habe den dafür Verantwortlichen vor kurzem eine Mail geschickt und mich ausdrücklich bedankt, denn an dem leicht verständlichen, übersichtlichen und klar strukturierten Aufbau kann sich so manch anderer Website-Inhaber eine Scheibe abschneiden, vor allem die VG Wort, die nicht nur eine Scheibe abschneiden, sondern gleich den ganzen Kuchen einpacken sollte …

Nichtsdestotrotz sollten Autoren den sogenannten Wahrnehmungsvertrag abschließen, denn je nach Genre können sie einige bis viele hundert Euro einnehmen, speziell Sachbuchautoren.

Bei „Wortbetrieb“ habe ich in einen ausführlichen und übersichtlichen Artikel entdeckt, der VG Wort von A – Z beschreibt und auch erklärt, wie man Meldungen abgibt. Auch viele relevante Links sind eingebaut. Danke dafür!

Autoren von Belletristik brauchen für ihre Bücher übrigens keine Textmeldungen abzugeben – das läuft automatisch. Voraussetzung dafür ist allerdings der erwähnte Wahrnehmungsvertrag.

vg wort

Wie man eine Rezension schreibt

buchrezension

Vorhin war ich mal wieder bei Amazon, weil mich ein bestimmtes Buch interessiert. Es hat 81 Rezensionen, und bei fast allen steht der Klappentext oder die Kurzbeschreibung im Vordergrund. Warum? Die Buchbeschreibung reicht doch völlig. Bei den Lesermeinungen interessiert mich nicht die Beschreibung des Buchinhalts, denn der steht ja bereits beim Buch, sondern die MEINUNG des Lesers.

Vielen dieser Meinungen sieht man übrigens an, dass sie „gekauft“ oder von wohlwollenden Menschen verfasst wurden. Denn ein Autor freut sich naturgemäß über positive Bewertungen, am meisten freut er sich über 5 Sterne und entsprechend sorgt er für so viele Sternchen wie möglich. Außerdem schreiben viele Rezensenten voneinander ab. Das fällt besonders dann auf, wenn sie durch die Bank weg „in Bann gezogen“ wurden – vom Buchtitel beispielsweise.

Ich selbst schreibe hin und wieder auch ein Buch, und natürlich freue auch ich mich über positive Lesermeinungen. Aber die sollten dann auch als solche formuliert werden, am besten klar und aussagekräftig – und mit wenig Rechtschreibfehlern. Denn viele Fehler hinterlassen einen negativen Eindruck in Bezug auf das intellektuelle Niveau des Lesers. Es sei denn, er ist Legastheniker. Man kann übrigens seine Bewertungen bei Amazon korrigieren … demzufolge auch Fehler ausmerzen.

Zum Thema Rezension hat der Autor und Verleger Ruprecht Frieling einen lesenswerten, ausführlichen und gut strukturierten Artikel verfasst. Den sollte jeder lesen, der nicht weiß, wie man eine Buchbewertung verfasst. Für den, der’s bereits weiß, ist der Artikel ebenfalls interessant …

Mein Verlagsblog

weblog

Als ich vor rund 15 Jahren mit dem Bloggen anfing, wussten die meisten Menschen noch nicht, was ein Blog überhaupt ist. Das hat sich geändert und zwar grundlegend. Es gibt Blogs zu allen Themen des Lebens. Bei der Onlinehure angefangen, über den Katzenbesitzer (das vermutlich erste deutsche Katzenblog habe ich online gestellt), die häkelbegeisterte Hausfrau, den kochlöffelschwingenden Rezepte-Erfinder bis hin zum Camping-Fan. Es wird über alles gebloggt. ÜBER ALLES.

Was privat gefangen hat, ist längst nicht mehr nur privat. Auch die Unternehmen sind auf den Trichter gekommen, so auch Verlage. Wie das Konzept eines Verlagsblog aussehen sollte, wurde vor einiger Zeit auf der Website des Börsenblatt beschrieben, und ich finde, das Blog von Edition Blaes wird den dort beschriebenen Kriterien durchaus gerecht. Vermutlich ist das mit ein Grund, dass viele Autoren übers Internet den Weg zu mir finden … was mich sehr freut.

PS: Die meisten sagen „der“ Blog. Streng genommen ist das falsch, denn die Wortherkunft lautet:

Logbuch = Weblog = Blog

Da es „das“ Logbuch heißt, ist die logische Konsequenz „das“ Blog. Aber lt. Duden sind beide Artikel erlaubt (was ich im übrigen nicht verstehe); der Autor des Beitrags im Börsenblatt schreibt erfreulicherweise „das“.

Was einen guten Text ausmacht

Bin zur Zeit mit der Endlorrektur eines Manuskriptes beschäftigt. Sehr gut geschrieben, interessant, spannend und emotional. Aber es hat die typischen Anfangsfehler:

– zu viele Ausrufungszeichen
– zu viele Doppelpunkte
– zu viele Ellipsen (das sind Auslassungspunkte …)
– zu viele Füllwörter

Was die Füllwörter betrifft, ein paar Beispiele:

  • … sehe ich eine Menschenversammlung vorm „Spital“ (es gleicht eher einem größeren Wohnwagen), und ich vermute, das könnte länger dauern, was mir auch nichts ausmacht, denn, zugegeben, bin ich lieber irgendwo draußen als im Büro.
  • … zu allem Überdruss beginnt es auch schon wieder leicht zu regnen.
  • Trotzdem schadet wohl ein Apfel mit Blei ab und zu sicher nicht …
  • … bestehe ich aber doch darauf, dass er meine mitgebrachte Spritze verwendet.

Die grün markierten Wörter tauchten innerhalb weniger Seiten auf, und ich habe  sie alle gestrichen, denn sie sind völlig überflüssig. Darin liegt die Kunst eines Autors: einen Text so zu formulieren, dass er klar und knackig ist. Der Leser muss sofort verstehen, was gemeint ist. Aber alle Wörter, die dafür nicht notwendig sind, braucht es nicht, denn sie stören den Lesefluss eher, als dass sie ihn erleichtern. Und darin liegt die Aufgabe einer Lektorin: die überflüssigen Wörter zu erkennen – und dann zu streichen natürlich. Dass auch ich zu Füllwörtern neige, sieht man deutlich an diesem Absatz …

 
Das Manuskript wurde übrigens bereits von einem anderen Lektor bearbeitet. Hier habe ich darüber berichtet. Dass er viel nicht besonders „glückliche“ Formulierungen übersehen hat, ist eine Sache. Dass er mindestens 200 tatsächliche Fehler übersehen hat, steht auf einem anderen Blatt. Und deshalb kann ich nur wiederholen: gutes, kompetentes und engagiertes Lektorat erfordert Zeit. Und nicht zuletzt Freude an der Arbeit.

PS: Dass trotzdem Fehler übersehen werden, muss man (ich) zähneknirschend in Kauf nehmen. Das erwähnte Manuskript habe ich bestimmt dreimal aufmerksam gelesen, trotzdem entdecke immer wieder Fehler. Es ist zum Mäusemelken! Aufgrund der weit verbreiteten und virulent zunehmenden Rechtschreibschwäche fallen übersehene Fehler aber vermutlich kaum jemandem auf. Das tröstet – wenigstens ein bisschen.

Typische Anfängerfehler

Bücher selbst zu veröffentlichen, ist en vogue. Jedes Jahr erscheinen in Deutschland über 75.000 Bücher von Selbstpublizierern. Vielen davon sieht man an, dass ein Laie am Werk war. Hier ein typisches Beispiel – nicht mit Originaltext, weil es mir keinen Spaß macht, andere bloßzustellen (bei zitiertem Text muss der Urheber genannt werden). Der Blindtext steht aber stellvertretend/sinngemäß für den Text.

Hier das Original. Schriftgröße: 11 Punkt, Zeilenabstand: 18 Punkt.

typografie

(zum Vergrößern auf Bild klicken)

Nach meinem Geschmack sind die Ränder zu klein und der Zeilenabstand zu groß. Hier mein Vorschlag (mit bereits korrigierten Fehlern): dieselbe Schriftgröße, Zeilenabstand: 15 Punkt, Ränder etwas größer. Aber das ist auch Geschmackssache.

typografie

Zur Information sind in diesem Screenshot die Typo-Fehler markiert.

typografie

1. Unterschiedliche Anführungszeichen (vermutlich passiert beim Tausch normaler Anführungszeichen gegen Guillemets).

2. Kein Erstzeilen-Einzug bei den Absätzen (ist nicht zwingend, aber wegen der besseren Lesbarkeit unbedingt angeraten).

3. Das schlimmste Hurenkind, das mir je unter die Augen gekommen ist. (Im Originaltext steht es genau so da wie gezeigt.)

Vermeintlich sind das alles Kleinigkeiten – zumindest ist das die Meinung etlicher Selbstpublizierer. Ich sehe das anders. Denn ich erwarte von einem Buch mit normalem Marktpreis auch normalen, also professionellen, Inhalt – nicht nur, was den Text betrifft. Aber das ist ein anderes Thema …

P. S.: Dass das Buch leider auch keinen Korrekturleser hatte, sollte ich auch noch erwähnen. Etliche Tippfehler, fehlende Anführungszeichen, falsche Namensbezeichnungen …

Zum Thema Zuschussverlage

zuschussverlag

In meiner Blog-Beitragsliste ist mir eben ein früherer Artikel über Zuschussverlage aufgefallen, von dem ich denke, dass es nicht schadet, aktuell auf ihn hinzuweisen. Also habe ich ihn aus der Versenkung geholt:

Dass mein kleiner Verlag für seine Dienstleistung Honorar in Rechnung stellt, verstecke ich nicht, im Gegenteil. Ich weise klar darauf hin, welche Leistungen ich anbiete und dass ich Honorar dafür berechne. Unter diesem Aspekt zählt mein kleiner Verlag also zu den berüchtigten Abzockern, den sogenannten Druckkosten-Zuschussverlagen. Wobei der Begriff nicht korrekt, sondern eigentlich falsch ist. Warum, darüber habe ich hier einen Artikel geschrieben.

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied: Ich ziehe meine Autoren nicht über den Tisch, sondern biete ihnen engagierte und professionelle Dienstleistung – zu einem fairen Honorar. Dies bestätigen auch meine Autoren, zu denen jeder Kontakt aufnehmen kann, denn meine Referenzen sind nicht getürkt, weil reale Personen dahinter stecken, die gern bereit sind, über die Art und Weise der Zusammenarbeit mit mir zu berichten.

Wie ich an anderer Stelle schon öfter geschrieben habe, gibt es in der Zunft der Dienstleistungsverlage viele schwarze Schafe, denen es nur auf eines ankommt: möglichst viel Geld für möglichst wenig Leistung zu erzielen. Auf der Homepage des Montsegur-Autorenforums gibt es deshalb eine lange Liste, auf der viele dieser schwarzen Schafe von A bis Z zu finden sind.

Schlecht an dieser Liste ist allerdings, dass alle Anbieter werden in einen Korb geworfen werden – ohne Rücksicht darauf, ob sie abzocken oder seriös sind.

Weitere Informationen gibt es in folgenden Artikeln:

Zuschussverlage

Zum Thema Druckkostenzuschussverlage

Kalkulation eines Zuschussverlages

Zuschussverlage die Xte

Essay über Zuschussverlage

Zuschussverlage – der kleine Unterschiedx

Der schlechte Ruf der Zuschussverlage Nr. 1

Zuschuss verlage – das leidige Thema

Wer diese Informationen aufmerksam liest, weiß ziemlich schnell, worauf ein Autor achten sollte, bevor er einen Vertrag mit einem Verlagsdienstleister unterschreibt. Worauf unbedingt zu achten ist: Geld fließt erst nach erbrachter Leistung!

Und: Nicht jeder Dienstleistungsverlag ist ein Abzocker! Es gibt auch seriöse – BoD zum Beispiel. Meine ersten Kurzgeschichten habe ich dort veröffentlicht. Jahre her. Ich zähle vermutlich zu den ersten Autoren, die ihr Buch dort veröffentlicht haben. Aber das nur nebenbei …

Auch Edition Blaes zieht Autoren nicht über den Tisch, sondern bietet professionelle Dienstleistung. Nicht vor, sondern nach erbrachter Leistung. Und die Referenzen der Autoren belegen das.

Interview mit Frederik Suter

Renate Blaes: Lieber Frederik, wir sind uns bei Facebook über den Weg gelaufen. Damals hatte ich keine Ahnung, wer du bist und mit welchen Problemen du zu kämpfen hast. Nun gibt es ein Buch von dir (SUERTE oder Der Teufelskreis des Glücks) darüber und eine von dir ins Leben gerufene Anthologie (WIR), geschrieben von Menschen, die die gleiche Krankheit haben: NF2. Beide Bücher sind Anlass für Fragen. Also stell ich sie einfach:

Du warst 17 Jahre. Ein Alter, in dem das Leben normalerweise beginnt so richtig interessant zu werden. Und dann die Diagnose NF2. Was hat sie für dich bedeutet?

Frederik Suter:
Ich hatte keine Ahnung, was NF2 ist oder was es bedeutet – hat mich auch nicht sonderlich interessiert.

Renate Blaes: Wann ist dir bewusst geworden, was diese Diagnose bedeutet?

Frederik Suter: Hmm … ich denke, so in den Jahren nach der Diagnose, Stück für Stück. Vor allem durch Kontakt mit Gleichbetroffenen.

Renate Blaes: Kontakt mit Gleichbetroffenen – was hat der bei dir ausgelöst?

Frederik Suter: Zunächst, als es mir anfangs noch deutlich besser ging als heute, wollte ich nicht wahrhaben, dass es mir mal genauso gehen kann: vollkommen taub, Augenprobleme, Themen rund um’s Behindertenrecht, Rollstuhl, Rollator, das alles war für mich erst eine fremde Welt.

Als ich dann das erste Mal bei einem Treffen war, kam der erste Schock: tatsächlich lauter Ertaubte, schiefe Gesichter, Rollstühle, Rollatoren … aber ich hab mich sofort verstanden gefühlt. Die Leute hatten ähnliche Probleme, vor allem kommunikative, und es herrschte einfach ein blindes Verständnis, ein gegenseitiger Respekt. Ich wurde ’normal’ behandelt, so wie es im Alltag mit anderen Menschen nicht der Fall war. Im Laufe der Jahre habe ich mich dann richtig eingelebt in diese Gemeinschaft aus Kämpfern und mich hinzugereiht.

suerte –nf2
Erlebnisbericht über NF2

Renate Blaes: Welche Beeinträchtigungen hast du am schlimmsten erlebt?

Frederik Suter: Als Erstes die Hörschädigung/Ertaubung, die bei mir ziemlich schnell eingetreten ist.

Renate Blaes: Ich stelle es mir schlimm vor, nichts mehr zu hören. Keine Musik, keine Naturgeräusche – aber vor allem – keine Stimmen von Menschen.

Frederik Suter: Ja, das ist schon schmerzhaft. Weil es mich von Menschen trennt und auch von der unmittelbaren Umwelt, von der Natur ganz zu schweigen. Was aber klasse ist: Das Gehirn kompensiert das zum Teil. Das heißt, ich habe Erinnerungen an Geräusche, und das Gehirn erzeugt die automatisch, wenn ich Vertrautes sehe, z. B. Straßenverkehr oder den Wasserhahn. Die Augen übernehmen somit teilweise das Hören. Ich sage dazu: Ich „höre“, was ich sehe.

Dann, als ich mich so allmählich mit dem Hörverlust abgefunden hatte, war das Schlimmste der Rollstuhl, der nach einer weiteren OP hinzu kam. Und als ich mich da wieder rausgekämpft hatte und mich auch an die Unbeweglichkeit gewöhnt hatte, war und ist der schlimmste Verlust an Lebensqualität, nicht mehr gut oder gar nicht mehr essen zu können.

Renate Blaes: Wie nimmst du dann Nahrung zu dir?

Frederik Suter: durch Magensonde, wegen geschädigter Schlucknerven. Ich esse auch ein wenig.

Renate Blaes: Ist das temporär oder wird dieses Problem bleiben?

Frederik Suter: Das hängt vor allem davon ab, ob sich meine momentane vollständige Gesichtslähmung noch erholt. Die habe ich übrig von zwei großen Operationen in den letzten beiden Jahren. Die Lähmung und die Schluckprobleme führen dazu, dass ich es nicht schaffe, oral genug Nahrung zu mir zu nehmen. Deshalb die Sonde. Aber dafür sind jetzt die beiden großen Tumore auf den Hör-, Gleichgewicht- und Gesichtsnerven vollständig entfernt und ich habe hoffentlich ein paar Jahre Ruhe.

Renate Blaes:
Stimme ist unser Kommunikationsinstrument Nr. 1. Das steht dir nicht mehr zur Verfügung. Wie kompensierst du das?

Frederik Suter: Stimmt nicht, ich habe noch eine Stimme, wenn auch sehr schwach (wegen fast vollständiger Stimmbandlähmung) und gerade noch so verständlich. Zum Glück!

Renate Blaes: Wie kommunizierst du? Mit Familie/Freunden? Mit Fremden?

Frederik Suter: Kommt drauf an, mit wem. Mit Fremden, zumeist Hörenden zunehmend per app, die Gesprochenes in Text umwandelt, aber auch mit ein wenig Lippenabsehen oder auch mal aufschreiben. Mit Familie kann ich sprechen und bekomme die Antwort in Gebärdensprache, die haben das ein wenig gelern. Da ich sie gut kenne, verstehe ich sie aber auch viel durch Absehen. Die meisten meiner Freunde sind ebenfalls hörgeschädigt, also primär Gebärdensprache. Aber die Technik ist inzwischen so weit, dass Kommunikation mit jemandem, der keine Gebärdensprache kann, kein Problem mehr ist.

Renate Blaes: Hattest du einen Lebensplan – vor der Krankheit?

Frederik Suter:
Nicht wirklich, nur so ungefähr. Das nächste Ziel nach dem Realschuabschluss war das Abitur, viel weiter habe ich nicht gedacht.

Renate Blaes: Hast du Abitur gemacht?

Frederik Suter: Ja, Fachabitur, auf einer Schule/Internat für Hörgeschädigte. Ich habe festgestellt: Zum Glück bin ich nicht auf dem Gymnasium – das wäre für meine faule Natur viel zu stressig gewesen. Fachoberschule war genau richtig, viel relaxter.

Renate Blaes: Wolltest du studieren, und wann ja, was?

Frederik Suter: Deine Frage erinnert mich gerade an einen weiteren ‚Lebensplan‘ – den hatte ich mal notiert, vor NF2. Und zwar spielte ich mit dem Gedanken, nach der Schule in meine Zweitheimat England zu gehen. Ich wollte entweder Englischlehrer werden in Deutschland oder Deutschlehrer in England. Dann habe ich Jahre später – als ich schon schwerhörig war – im Englandurlaub jemanden kennengelernt, der Spanisch und Englisch konnte. Das wollte ich auch können. Und das wurde dann mein Ziel – nach dem Fachabi in England zu studieren.

Renate Blaes: Was ist von diesem Plan übrig geblieben?

Frederik Suter:
Die NF2 hat mir anfangs zwar einen Strich durch die Rechnung gemacht und mich nach ein paar Monaten Studium in England zurückgeholt – nach Deutschland und auf den Boden der Tatsachen. Nach zwei Jahren habe ich mich aber zurückgekämpft und das Vorhaben noch mal neugestartet. Und ich habe es durchgezogen. Ich habe Glück gehabt, dass meine NF2 bis zum Ende managbar blieb. Jetzt bin ich nach dem Studium wieder in Deutschland und erst danach hab ich gesagt: So, jetzt hab ich mein Studium, nun machen wir nochmal zwei große OPs. Und von denen erhole ich mich immer noch. Aber ich hab den BA in der Tasche, hab mein Buch geschrieben und bin die zwei gefährlichsten Tumore los.

Renate Blaes: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Frederik Suter: Ich mache keine Zukunftspläne mehr. Ich lebe jetzt. Es kommt, wie es kommt, vor allem mit NF2. Aber ich möchte evtl. nochmal ein Hörimplantat einsetzen lassen, mit dem ich Geräusche vielleicht wieder wahrnehmen kann.

Ansonsten … mal gucken … ich habe das Schreiben entdeckt, mit dem ich mich durchwurschtle, und ich habe sehr wenig Ausgaben. Ich habe auch etwas Bammel davor, meine Freiheit aufzugeben fürs Geldverdienen. Und wenn es geht, ist Reisen meine Lieblingabeschäftigung.

Renate Blaes: Ich weiß, dass deine Familie dir sehr nahe ist. Wie wäre das Leben mit dieser Krankheit ohne diesen Zusammenhalt. Könntest du dein Leben so führen, wie du es lebst – ohne Familie?

Frederik Suter: Aus meiner jetzigen Perspektive ist das unvorstellbar für mich. Aber eher aus psychischen Gründen und weil ich mir ihre Unterstützung immer bei mir weiß. Komplett selbstständig zu leben – das würde ich, denke ich, schon irgendwie schaffen.

Renate Blaes: Wieviele OPs hast du hinter dir?

Frederik Suter: Vier große am Kopf und bestimmt 20 weitere.

Renate Blaes: Hast du Angst vor einer OP? Du weißt, dass ein Freund von dir danach nicht mehr aufgewacht ist.

Frederik Suter: Grundsätzlich habe ich keine Angst. Nur wenn eine größere OP ansteht – sobald ich im Narkoseraum bin – ein kleines bisschen. Aber ich bin Narkose-Junkie, ich liebe das Gefühl, wenn mein Bewusstsein langsam weggeht, bis … zack und weg … herrlich! (Ja, ich bin komisch.) Auf diesen Zustand freue ich mich immer schon davor.

Renate Blaes: Wie gehst du mit den ständig wachsenden/entstehenden Tumoren um?

Frederik Suter: So ist es halt.

Renate Blaes: Kann es sein, dass das Wachstum bestehender und die Entstehung weiterer Tumore nachlassen?

Frederik Suter: Ja, manchmal wachsen sie schnell, manchmal jahrelang nicht oder sehr langsam. Und viele kann man drinlassen; sie nicht anzufassen, ist häufig besser, als sie zu operieren. Nur wenn sie zu Ausfällen führen oder bedrohlich sind, müssen sie raus. Und dafür habe wir regelmäßig MRTs.

Renate Blaes: Die Krankheit ist also unberechenbar … wie das Leben allgemein.

Frederik Suter: Genau. Deswegen mache ich auch keine Zukunftspläne, sondern genieße das Jetzt.

Renate Blaes: Was ist ein größter Wunsch?

Frederik Suter: Gegenseitige Liebe zu erleben – mit einem lieben Fräulein.

Renate Blaes: Das wünsche ich dir von ganzem Herzen!

 

wir-buchDas ist das Buch, zu dem Frederik Suter andere NF2-Betroffene motiviert hat. Berührende Lebensberichte – ohne Jammern oder Klagen. Zeugnisse dafür, mit welcher Entschlossenheit Menschen ihr Schicksal annehmen und ihm kraftvoll die Stirn bieten. Und trotz aller Einschränkungen durchaus Glücksgefühle empfinden. Möglicherweise intensiver und öfter als Menschen ohne diese Krankheit …

Weitere Interviews mit Autoren aus „WIR“ gibt es in unregelmäßigen Abständen.

Die armen Hurenkinder

Bis vor wenigen Jahren waren die Spezies der Schusterjungen und Hurenkinder absolut verpönt. Unter Typofachleuten gehörte es sich einfach nicht, am Anfang oder Ende einer Seite den Text mit nur einer Zeile zu beginnen oder zu beenden.

Dieses Zeitalter scheint der Vergangenheit anzugehören, denn selbst in Büchern renommierter Verlage wandern die Schusterjungen Hand in Hand mit den Hurenkindern durchs Buch, und das, was mein Typographiedozent Günter Gerhard Lange vor vielen Jahren strikt verurteilt hat, wird heute ziemlich lasch gehandhabt.

Das liegt vermutlich daran, dass es sehr zeitaufwändig ist, Seite für Seite zu betrachten und die einsamen Zeilen zu entfernen. Denn ein Programm, das diese Aufgabe korrekt übernimmt, gibt es (noch) nicht. Weil es mittlerweile Usus ist, die Schusterjungen (einsame Zeilen am Ende einer Seite) zu belassen, ändere ich sie auch nicht mehr.

schusterjunge
(zum Vergrößern auf Bild klicken)

Aber die Hurenkinder, also einsame Zeilen am Beginn einer Seite, korrigiere ich.

hurenkind

Beispiel:
hurenkind

Das mit der Erweiterung (oder Verringerung) der Laufweite funktioniert allerdings nur bedingt. Denn eine zu große Laufweite sieht nicht schön aus.
laufweite

Eine zu enge allerdings auch nicht.

Wenn eine Veränderung der Laufweite also nicht angeraten ist, muss man im Text was machen. Zum Beispiel bei diesem einsamen Wort am Beginn einer Seite.

Das Löschen eines winzigen Wörtchens auf der Seite davor führte zu einer hilfreichen Veränderung des Umbruchs. Der erste Absatz hat eine Zeile weniger, und so passt das „Hurenkind“ von der nächsten Seite noch zum Text auf der Vorderseite. Wo es auch hingehört. Denn einsame Wörter am Beginn einer neuen Seite sind ein Unding.

hurenkind

P. S.: Die gezeigten Beispiele beziehen sich auf mit InDesign erzeugten Text.